Ninia, du arbeitest als Moderatorin, Autorin, Podcasterin, Sprecherin und Schauspielerin. Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar wurde: Ich mache das selbstständig? Oder hat sich das eher ergeben als geplant?
Ich bin viele Jahre neben der Festanstellung aufgetreten oder habe moderiert. 2015 hatte ich das Angebot eine eigene kleine Fernsehsendung zu übernehmen – meine Chefin hat mich dafür freigestellt und sagte: „Mach einfach, so lange du deine Mails im Griff hast.“ Das war das erste Mal, dass ich dachte, es wird jetzt so viel, dass ich nicht mehr allles parallel machen kann. Dann habe ich für „Gründerinnen Consult“ in Hannover moderiert, das ist ein Teil der Wirtschaftsförderung, der Frauen dabei unterstützt, sich selbstständig zu machen – und da wusste ich, die können mir doch auch helfen! Haben sie dann auch, mit Finanzplan und allem pipapo. Seit September 2015 war ich dann komplett selbstständig.
Deine Arbeit wirkt nach außen vielseitig und frei, ist aber vermutlich auch stark projektgetrieben. Wie weit kannst du überhaupt vorausplanen und wie gehst du mit Unsicherheit oder Phasen um, in denen noch nicht alles „durchgetaktet“ ist?
Ich habe inzwischen ein Gefühl für die Phasen im Jahr, in denen viel los und in denen weniger los ist. Ich mache ja sowohl regelmäßige Sachen wir Podcasts und Kolumnen, als auch Tagesmoderationen von Veranstaltungen. Im Frühjahr und von Herbst bis Weihnachten bin ich sehr viel unterwegs. Im Sommer mache ich immer eine etwa sechswöchige Pause, da ist eh nicht viel los und zu Jahresbeginn ist es auch ruhiger.
In diesen Zeiten frisst mich regelmäßig die Angst, dass die Aufträge ausbleiben könnten.
Letztendlich öffnen sich aber immer wieder neue Türen. Daran muss man sich gewöhnen. Privat vorausplanen kann ich quasi nicht. Nur die Sommerpause ist unverrückbar, die brauche ich, auch mit der Familie. Ansonsten kann es schon passieren, dass ich Einladungen oder Konzerte absagen muss, wenn ein großer Auftrag reinkommt. Ich bin in der Regel auf etwa drei Monate ausgebucht, da habe ich dann schon einen kleinen Überblick, aber spontan kann immer was passieren.

Du äußerst dich regelmäßig zu feministischen und inklusiven Themen. Empfindest du es manchmal als ermüdend, immer wieder Aufklärungsarbeit leisten oder Haltung erklären zu müssen? Oder gehört das für dich selbstverständlich zu deiner Arbeit dazu?
Grundsätzlich gehört meine Haltung zu meiner Arbeit dazu. Ich denke nicht darüber nach, etwas besonders feministisch oder inklusiv anzugehen. Ich lebe ja nach diesen Prinzipien. Aber: Es ist, vor allem online, sehr ermüdend geworden, immer wieder die gleichen Dinge zu fordern. Gerade in Zeiten, in denen wir politisch in diesen Bereichen viele Rückschritte machen. Und ich merke, auch beruflich, dass viele Institutionen nicht mehr bereit sind, sich in diesen Themen besonders zu engagieren oder bereit sind Geld zu investieren – zum Beispiel an Gagenverhandlungen.
Hat sich dein politisches beziehungsweise gesellschaftliches Engagement im Lauf deiner Selbstständigkeit verändert; auch, weil mit Öffentlichkeit Verantwortung einhergeht?
Nein, im Gegenteil. Ich war vor der Selbstständigkeit noch wesentlich engagierter und lauter. Im Laufe der Jahre ist das weniger geworden, weil ich mit Selbstständigkeit, Ehrenämtern und Mutterschaft einfach keine Zeit mehr habe, mich laut zu engagieren und meine Kraft besser einteilen muss.
Du bist viel unterwegs und arbeitest in einer Branche mit Abendterminen, Reisen und unregelmäßigen Rhythmen. Wie organisiert ihr als Familie das und wie teilt ihr Care-Arbeit auf?
Wir haben das viel beschworene Dorf um uns herum, wofür ich sehr dankbar bin. Enge Freundinnen, die einspringen und sich kümmern und die Familie, die zwar nicht in der Nähe wohnt, aber bei langfristiger Planung auch immer aushelfen kann. Mein Mann ist Lehrer und hat im Gegensatz zu mir feste Arbeitszeiten und wenig Abendtermine, das lässt sich gut planen. Ich war ja schon selbstständig und immer unterwegs, bevor ich Mutter wurde, wir kennen das als Paar also nicht anders.
Über Care Arbeit diskutieren wir nicht.
Wir haben beide feste Rollen im Haushalt – und wenn spontan Dinge anstehen (z.B. Krankheit), dann schauen wir, wie es am besten möglich ist. Ich kann als Selbstständige nicht kindkrank zuhause bleiben, wenn ein Job ansteht – das ist hier allen klar. Wenn man es aufteilen will, macht mein Mann sicher etwas mehr im Alltag (Einkauf, Kochen usw.), ich habe dafür das große Ganze im Blick.
Wie gehst du mit Aufregung um, wenn du vor großem Publikum moderierst? Gibt es ein Ritual, das dir vor großen Bühnenmomenten Sicherheit gibt?
Ich war früher so aufgeregt, dass ich mich übergeben musste – das ist, Gott sei Dank, Vergangenheit. Inzwischen brauche ich meine Kopfhörer und gute Musik. Mir gibt auch extrem viel Sicherheit, wenn ich den Eindruck habe, alles drumherum ist gut organisiert. Ich habe bestimmte Schuhe, die ich nur auf der Bühne trage, die mir eine gewisse Präsenz geben. Ansonsten kann ich den Knopf inzwischen sehr gut umlegen, das gehört zum Job einfach dazu.

Du schreibst, moderierst, schauspielerst und entwickelst eigene Konzepte – was macht dir am meisten Spaß? Hast du aktuell ein Lieblingsprojekt?
Ich erzähle am liebsten Geschichten. Über welchen Kanal ist eigentlich total egal. Gute Geschichten funktionieren am Podcast-Mikro, auf der Bühne und vor der Kamera. Am meisten Spaß habe ich, wenn das Thema bei mir einen Nerv trifft, wenn spannende Gäste dabei sind und wenn ich merke, das sich in einen gewissen Flow komme. Aktuell liebe ich unseren deutschsprachigen Podcast über die Kansas City Chiefs: Das Kingdom. Das ist ein Projekt, mit dem ich quasi kein Geld verdiene, dass aber eine meiner absoluten Leidenschaften trifft, American Football. Ich mag daran, dass es so gar nichts mit dem zu tun hat, was ich sonst mache und unser dreiköpfiges Team ist einfach grandios. Da ist wenig Druck hinter und ich kann in Jogginghose und ungeschminkt vorm Mikro sitzen.
Altersvorsorge ist für viele Selbstständige ein Stress-Thema. Wie gehst du persönlich damit um?
Ich sorge vor. Ich habe verschiedene Anlagen, mit denen ich versuche, mich für mein Alter abzusichern, unabhängig von der Familie – denn: you never know. Ich lasse mich dafür aber auch professionell beraten. Einmal im Jahr machen wir ein gemeinsames Update und schauen, was noch passt und was nicht.

Welchen Rat würdest du Frauen geben, die sich in der Medienwelt selbstständig etwas aufbauen wollen?
Such dir andere. Ich habe mir angewöhnt, mit anderen Frauen offen über Gagen zu sprechen. Wenn ich selbst keine Zeit für einen Auftrag habe, empfehle ich andere Frauen für den Job. Es gibt nicht nur eine, und das kann man sich sehr gut bewusst machen.
Mir wird nichts weggenommen, wenn ich andere unterstütze und solidarisch bin.
Wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen in der Branche nicht mein Bestes wollen, dann wende ich mich von ihnen ab. You do you, aber solche Spielchen spiele ich nicht mit. Ich habe eine kleine Chatgruppe mit Freund*innen, die ähnliche Sachen wie ich und mit denen ich mich tagtäglich austausche, bei denen ich auch mal Frust abladen kann, sowas hilft extrem. Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar für all die Menschen in meinem Leben, die mit dieser Branche absolut gar nichts zu tun haben. Deren Worte und Eindrücke können extrem erdend sein.
2015 hast du dich selbstständig gemacht. Was hättest du damals gern gewusst?
Das Finanzamt schläft nie. Die Künstlersozialkasse auch nicht. Die Angst wird weniger. Andere vor dir haben es auch geschafft. Nein sagen wird das Wichtigste sein, das du in den nächsten zehn Jahren lernen wirst.
Über Ninia LaGrande
Ninia LaGrande ist Moderatorin, Autorin, Podcasterin, Sprecherin und Schauspielerin. Sie lebt mit ihrem Mann und Sohn in Hannover und arbeitet seit 2015 selbstständig. Ihre Schwerpunkte liegen auf Sport, Politik, Gesellschaft, Popkultur und Mode. Neben ihrer Arbeit auf Bühnen und vor der Kamera schreibt sie Kolumnen, moderiert Podcasts und engagiert sich für feministische und inklusive Themen. Mehr über Ninia erfährst du hier.