Ich erinnere mich noch genau an ein Gespräch mit einer Bekannten, selbst Gründerin. Sie fragte mich bei einem Kaffee:

Und, wann planst du in die Vollzeit Selbständigkeit über zu gehen?

Ich habe kurz überlegt, wie ich antworten soll. Dann habe ich gesagt, was ich mich lange nicht traute zu sagen: „Wahrscheinlich gar nicht." „Ach so. Schade eigentlich.", war ihre Reaktion, die mich tagelang danach beschäfitgte.

Nicht weil ich unsicher war, ob sie recht hatte. Sondern weil ich merkte, dass ich

keine gute Antwort parat hatte. Und es wurmte, es wurmte auf so eine sehr unangenehme Art tief in mir. Es war ja nicht so, dass ich keine Meinung dazu hatte. Aber ich selbst hatte das Framing der Vollzeitselbstständigkeit so verinnerlicht, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen war, es zu hinterfragen.

Die Nebenselbstständigkeit ist die Vorstufe. Entweder weil man noch nicht ganz bereit ist oder noch nicht mutig genug ist.

Ich nahm mir also vor, nicht mehr so zu klingen, als müsse ich mich entschuldigen. Ich ging daher meinem Selbstbild und meinen eigenen Gründen für die nebenberufliche Selbstständigkeit auf den Grund.

Ich bin DevOps-Ingenieurin, das ist mein Hauptjob. Aber auch mehr als das. Es ist mein Fachgebiet, der Ort, wo ich täglich an aktuellen Systemen arbeite, Entscheidungen treffe, Fehler mache und daraus lerne.

Nach Feierabend bin ich weiterhin der IT-Nerd, der ich bin. Genau deshalb habe ich auch nebenberuflich gegründet. Dabei bin ich Webentwicklerin auf Projektbasis, WordPress, headless Architekturen, Ghost CMS.

Beide Felder zusammen sind keine Kompromisslösung. Es ist meine Entscheidung, die ich jeden Monat neu treffe.

Im Web-Bereich gibt es viele Selbstständige, die wunderbar in Framer oder WordPress arbeiten, tolle Seiten bauen und ein gutes Auge für Design haben.

Aber ich bin keine reine Webdesignerin. Ich bin diejenige, die versteht, was hinter der Oberfläche passiert.

Für viele Projekte braucht man das nicht. Aber für die Projekte, die zu mir kommen, ist es oft genau das, was den Unterschied macht. Meine Kundinnen bekommen keine Website, die einzig und allein gut aussieht. Sie bekommen eine Website, die gut läuft, wartbar ist und zu ihrer technischen Realität passt, nicht zur Idealvorstellung aus einem Tutorial. Das ist ein anderer Anspruch.

Es wäre gelogen zu sagen, ich hätte nie überlegt, ob Vollzeit mehr Sinn ergäbe.

Den Gedanken kenne ich gut. Er kommt meistens nach einem besonders anstrengenden Monat im Hauptjob und dann das Gefühl entsteht, ich würde beiden Seiten nicht gerecht.

Was mich zurück bringt, ist keine motivierende Selbstüberzeugung. In solchen Momenten rechne ich durch, was ich verlieren würde. Nicht finanziell, denn dieser Aspekt wäre lösbar, sondern fachlich. Als DevOps-Ingenieurin arbeite ich an Systemen, die mir zeigen, wohin sich die Branche entwickelt. Ich sehe, welche Anforderungen gerade im Enterprise-Bereich ankommen und in zwei Jahren auch bei kleineren Unternehmen relevant werden.

Wenn ich diesen Job aufgebe, berate ich aus dem Rückblick. Nicht aus der Gegenwart. Ich rede das nicht schön, es gibt reale Limitierungen. Keine Großprojekte mit kurzfristiger Verfügbarkeit, kein Wachstum klassischen Sinne. Für manche Kundinnen bin ich deshalb die falsche Wahl und ich sage das auch so.

Aber ich glaube, dass das Narrativ „Nebenselbstständigkeit als Durchgangsstation" vielen Frauen schadet.

Besonders denjenigen, die eigentlich gar nicht springen wollen.

Denjenigen, die das Hybridmodell nicht aus Angst wählen. Sondern es bewusst so wählen, weil es zu ihrer Lebensrealität passt oder sie in beiden Welten gleichzeitig besser werden.

Den Mut, das laut zu sagen, musste ich mir erst erarbeiten. Die Frage „Und wann machst du den nächsten Schritt?" beantworte ich heute mit: „Ich habe ihn schon gemacht. Nur in eine andere Richtung."

Sophie Ischenko ist DevOps-Ingenieurin, Webentwicklerin und Gründerin von Fundament Studio. Neben ihrem Hauptberuf entwickelt sie Websites mit Fokus auf Technik, Performance und langfristige Wartbarkeit. Ihre Nebenselbstständigkeit ist für sie eine bewusste Entscheidung: Beide beruflichen Welten ergänzen sich und ermöglichen ihr, fachlich immer am Puls der Zeit zu bleiben.

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