Wir unterbieten uns stilistisch gegenseitig, nennen das “Understatement” und überlassen den Erfolg den Frauen, die das Spiel verstanden haben

Ich möchte dir mal eine provokante Frage stellen: Gehörst du zu den Frauen, denen der Erfolg zufliegt, die leicht Angebote für höhere Positionen, mehr Gehalt und größere Chancen bekommen? Bist du diejenige, die es mühelos schafft mit den richtigen Leuten in Verbindung zu kommen? Ja? Dann gehörst du mit großer Wahrscheinlichkeit zu den Frauen, die ein “pretty privilege” haben. Frauen, die entweder eine besondere Ausstrahlung haben, von Natur aus besonders schön sind oder es stilistisch “einfach drauf” haben. Diese Schönen sind überzeugt, dass der Erfolg nichts mit Optik zu tun hat.

Durch Studien bewiesen ist aber, dass Menschen, die “gut aussehen” im Kopf bleiben und alle anderen einfach in der Masse verschwinden.

Die restlichen Menschen müssen dagegen sehr viel mehr Energie investieren, um gesehen und gehört zu werden. Sie brauchen bessere Vorträge, klarere Angebote, mehr Nachkontakte, sprich deutlich mehr Willenskraft, um ans Ziel zu kommen.

Vor allem weil die meisten nicht wahrhaben wollen, dass die wahrgenommene (nicht die tatsächliche!) Kompetenz etwas mit optischer Präsenz zu tun hat. Ist das fair? Nein. Sind das Vorurteile? Ja. Können wir das ändern? Jein. Wir nehmen es uns natürlich vor, aber dein Unterbewusstsein entscheidet lange bevor der Kopf einsetzt.

Ganz selbstverständlich arbeitest du monatelang am Internetauftritt, Schriftarten, Layout, Text, Angeboten oder auch an Vorträgen, Inhalten und Präsentationen. Alles wichtig. Aber du vergisst, dass die Bildsprache unterbewusst schon VOR dem Pitch entscheidet ob und wie lange man gewillt ist, dir zuzuhören. Niemand würde diese Wahrheit öffentlich zugeben (Gott bewahre!), aber beobachte dich mal selbst: Welche Menschen erscheinen dir “wichtig und hilfreich”? Die, die aussehen als ob sie ihr Unternehmen von der Couch aus führen oder die, die offensichtlich Grund haben sich täglich besser zurecht zu machen? Na?

Aber warum schreibe ich darüber? Ich schreibe, weil ich in meiner Arbeit ständig mit den Glaubenssätzen von Frauen konfrontiert bin. “Ich bin nicht wichtig genug”, “Für wen soll ich mich hübsch machen, ich geh doch nur ins Büro!”, “Was sollen denn die anderen sagen?”, „Nur meine Leistung ist das was zählt“. Ich könnte die Liste lange fortsetzen. Der Kern ist: Wir Frauen haben ein Problem, über das wir offen reden sollten:

Wenn du im Business nicht gesehen wirst, liegt das nicht daran, dass du zu wenig kannst, sondern daran, dass du nicht gesehen wirst. Physisch.

Du trägst schwarz, grau, blau, beige, verschwimmst mit der Wand und dir “genügt” ein bisschen Mascara. Was soll mir daran im Kopf bleiben? Versteh mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass du aussehen musst wie ein Papagei, damit du Erfolg hast. Aber wenn du ehrlich bist, dann schaust du dir im Zoo auch nicht die Spatzen an.

Die Zurückhaltung verstehe ich sehr gut, denn sie ist historisch über Jahrtausende gewachsenen und weiblich codiert: Wir Frauen haben schon in der Steinzeit gelernt, dass es wichtig ist in der Gruppe zu funktionieren. Wer ausgeschlossen wird, hat es schwer zu überleben. Deshalb wollen wir heute noch gefallen, nicht zu viel sein, nicht zu laut und schon gar nicht arrogant. Aber ich sage es klar und deutlich, auch wenn es jetzt mal kurz weh tut:

Vor allem im Business ist Understatement zwar für alle angenehm, aber es hilft dir nicht.

Und den anderen auch nicht. Denn was passiert, wenn sich alle kleiner machen, damit sich die andere größer fühlt? Nichts. Es gibt keinen Grund zu wachsen. Wir schneiden uns am liebsten selbst aus dem Bild und ärgern uns dann, dass die Chancen woanders hin verteilt werden.

Wir Frauen sollten stattdessen lieber alles dafür tun, um gesehen und richtig gedeutet zu werden.

Wir sollten das tun, was wir am besten können: Netzwerken, zuhören, supporten und dabei das Beste aus uns heraus holen was geht – weil wir nur so wirklich leuchten können.

Wir könnten andere anstecken mit unserer Energie und sie so motivieren in ihre eigene Kraft zu kommen. Das ist für mich die wahre Magie der Frauen unter sich.

Und falls du glaubst, dass das Mut erfordert sich in voller Strahlkraft zu zeigen: Ja, das stimmt. Für eine Sekunde. Und dann stellst du fest, dass angeschaut zu werden keine Abwertung, sondern Bewunderung ist. Dass Styling nicht laut sein muss, um effektiv zu wirken. Dass du auch mit tollem Style DU sein kannst, weil es eben deins ist und keine Maske. Und dass es LEICHT sein kann mit Menschen in Verbindung zu kommen, weil dein Auftritt schon alles sagt ohne dass du den Mund aufgemacht hast.

Und wenn du es dennoch nicht fühlst: auch nicht schlimm. Dann gewinnen halt andere das Game, die Position, die Gehaltserhöhung, den Auftrag.

Nicht weil sie besser sind. Sondern klarer.

Als Hair&Makeup Artist LAVISAGERIE hat Anja ein bewegtes Leben: Heute eine Braut, morgen den Bundeskanzler und die Ministerinnen, übermorgen ein Vortrag und danach ein Training mit Speakern und Businessmenschen, die ihre Botschaft schon vor dem ersten Satz rüberbringen wollen. Für sie ist Makeup-up und Styling nicht nur Spaß, sondern eine eigene Sprache und Tool für Achtsamkeit, Selbstwert und Kommunikation.

Schreibe einen Kommentar