Viele Dinge, die ich als Kind von meinen Eltern über Geld gelernt habe, sind falsch. Erst seit ich alleinerziehende Mama bin, ist mir das so richtig bewusst geworden. Die kleine Anne ist aufgewachsen mit dem Gefühl:
Geld ist nicht so wichtig. Geld macht nicht glücklich. Geld ist oberflächlich. Geld ist schlecht.
Aus der christlichen Perspektive meiner Eltern ist da sicher auch was dran.
Dennoch erlebe ich jetzt als alleinerziehende Mama das komplette Gegenteil: Geld zu haben, oder wie ich es lieber nennen möchte, „finanziell unabhängig“ zu sein, ist ganz entscheidend. Immerhin 40 Prozent der alleinerziehenden Mütter sind mit ihren Kindern von Armut betroffen, inklusive aller Konsequenzen: Sorgen, Not und Hilflosigkeit. Mein Sohn und ich gehören nicht dazu.
Wir können es uns leisten, in einem schönen, sicheren Wohnviertel zu leben. Unsere Kita war toll. Unsere Schule hat auch einen guten Ruf. Ich bin froh, meinem Kind einen Lebensstandard zu ermöglichen, der in etwa dem der anderen Kinder aus unserem Umfeld gleicht, die mit Mama und Papa leben. Kein großer Luxus, aber normaler Mittelstand. Das fängt bei Kleinigkeiten wie einer lecker gefüllten Brotdose an, warmen Winterstiefeln oder der Teilnahme an Nachmittagskursen an, und betrifft natürlich auch größere Posten, wie ein cooles Fahrrad oder einen schönen Urlaub, von dem mein Kleiner nach den Ferien erzählen kann. Soziale und kulturelle Teilhabe eben – für viele Kinder von alleinerziehenden Müttern leider alles andere als selbstverständlich, obwohl die ja meistens auch zwei Eltern haben.
Ja, Geld allein macht nicht glücklich, aber es eröffnet doch Freiheit. Es hilft, Lösungen zu finden für ein zufriedenes und halbwegs sorgloses Leben. Als alleinerziehende Mutter finanziell unabhängig zu sein, bedeutet für mich im Alltag auch, viel Stress vermeiden zu können. Ich diskutiere nicht mehr sinnlos mit dem Vater meines Kindes. Ich bitte nicht mehr vergeblich um Entlastung und „Hilfe“.
Stattdessen habe ich erkannt, dass jeder Cent, den ich für meine Anwältin und meine Babysitterin ausgebe, eine Investition ist – in meine Gesundheit und meinen persönlichen Seelenfrieden.
Seitdem hat sich das Verhältnis zum Papa meines Kindes sogar sichtlich entspannt.
Damit bin ich die erste Frau innerhalb meiner Familie – wahrscheinlich seit dem Auftreten des Menschen vor 2 bis 4 Millionen Jahren – die studiert hat, selbstständig ist und ihr Kind unabhängig von jedem Mann und ohne Not allein großziehen kann. – Das nenne ich mal „Breaking the cycle“
Dass das so ist, liegt zum einen daran, dass unsere Gesellschaft und vor allem die Feministinnen, die in den vergangenen Jahrzehnten für Frauenrechte gekämpft haben, es möglich machen. Zum anderen hängt es mit einer langen Kette an Entscheidungen zusammen, die ich – rückblickend mit mehr Glück als Verstand – richtig getroffen habe.
Schon als kleines Mädchen habe ich gelernt, dass meine Wünsche sich nur erfüllen, wenn ich selbst etwas dafür tue. Meinen ersten Job hatte ich mit zwölf.
Jeden Sonntag schnappte ich mir morgens halb 7 mein Fahrrad und radelte bei Wind und Wetter über das Kopfsteinpflaster unseres 150-Seelen-Dörfchens, um die Zeitung zu verteilen. Eigentlich ein guter Job, wären da nicht die großen Hunde auf den etwas abgelegenen Höfen gewesen. Jedes Mal, wenn ich ausgepowert zum Frühstück nach Hause kam, war ich froh überlebt zu haben.
Mit 16 startete ich in ein Auslandsjahr in Schweden. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich meinen Eltern finanziell auf der Tasche lag. Meine folgenden Schuljahre verbrachte ich schon ganz selbständig – in eigenen Wohnungen, finanziert durch Schüler-BAföG, Kindergeld und Sommerjobs.
Später als Studentin war ich Stipendiatin einer Studienstiftung. Außer mir hatte sich damals, Mitte der Zweitausender, verrückterweise so gut wie niemand von meiner Leipziger Hochschule beworben. Wobei ich gern zugebe, dass es nicht von Nachteil war, von jeher eine kleine Streberin zu sein. Man muss schon etwas tun, um ein Stipendium zu bekommen.
Zusätzlich hatte ich immer irgendwelche Jobs, mal als Kellnerin oder Produktionsmitarbeiterin und später schon als Texterin in der Agentur meines Freundes – mein erster Schritt in Richtung Selbständigkeit.
Ich bin oft gescheitert und lernte gleichzeitig früh, was ich kann und vor allem auch was mir guttut – und das ist vor allem das kreative, flexible Arbeiten in Eigenregie.
Als ich schwanger wurde, hatte ich mich gerade 5 Jahre mit dem Schreiben und Fotografieren etabliert. Meine Erfahrung, mein Netzwerk – all das hat mir in dieser Situation viel Sicherheit gegeben. Gleichzeitig wusste ich: Wenn ich jetzt länger von der Bildfläche verschwinde, müssen sich meine Kunden nach Alternativen umsehen. Statt mich auszuruhen, arbeitete ich deshalb auch in der Schwangerschaft weiter. Ich hörte erst auf, als ich musste, und fing sofort wieder an als ich durfte, natürlich zu Beginn nur stundenweise. Mir persönlich tat dieser Rollenwechsel gut.
Klar, hätte ich manchmal Lust gehabt, mich ganz auf mein Kind zu konzentrieren und mich von meinem Partner „versorgen“ zu lassen. Heute bin ich heilfroh, gar nicht erst in diese Schiene hinein geraten zu sein.
Nach der Trennung vom Papa meines Kindes waren es nicht nur die Menschen um mich, die mich aufgefangen und gerettet haben, sondern auch meine Arbeit. Sie hat mir Struktur gegeben, sie hat mich gezwungen, immer wieder rauszugehen und mich nicht im Unglück einzuigeln. Sie hat für mein Kind und mich gesorgt. Und letztendlich, dass darf ich mit sehr viel Dankbarkeit sagen – ist mein Job als Fotografin, Autorin und inzwischen auch Content Creatorin einfach eine Aneinanderreihung von Erfolgserlebnissen und Abenteuern – ich liebe ihn und er liebt mich. Wenn gerade alles andere den Bach runtergehen zu scheint, ist das schon mal viel wert. Oft fühlt sich Arbeiten sogar wie Erholung an, irgendwie einfacher und berechenbarer als der Alltag als Mama. Manchmal mischt sich aber auch beides. Viele meiner Kunden kennen inzwischen meinen Kleinen. Er liebt es, bei Shootings dabei zu sein, mir zuzuschauen und nebenbei einer Hörgeschichte zu lauschen oder ein LEGO-Set aufzubauen.
Selbst in richtig schwierigen Zeiten, wie vergangenes Jahr, kurz vor Weihnachten, als mein Sohn wegen einer Verletzung am Fuß vier Wochen nicht die Schule besuchen konnte und ich trotzdem weiterarbeiten musste, haben wir das geschafft – weil mein Job genug Freiraum bietet, um für mein Kind da zu sein und weil ich eben die Möglichkeit habe, ohne schlechtes Gewissen eine Babysitterin zu buchen, wenn es gar nicht anders geht.
Übrigens: Hättet ihr gedacht, dass 88 Prozent der alleinerziehenden Väter in Vollzeit arbeiten? Bei den Müttern sind es nur 42 Prozent.
Ich persönlich schaffe es ehrlicherweise aber auch nicht. Beziehungsweise bringe ich es einfach nicht übers Herz. Mein Kind müsste dafür fast 10 Stunden täglich die Schule und Hort besuchen. Für mein Gefühl ist das einfach zu viel.
Umso mehr freue ich mich, zu den wenigen alleinerziehenden Müttern zu gehören, die verlässlich den gesetzlichen Unterhalt für ihr Kind erhalten. Weil mein Sohn 25 Tage im Monat bei mir lebt, steht uns das auch zu. Leider musste ich selbst dafür erstmal einiges in Bewegung setzen. Mithilfe einer Anwältin, die ich durch meine Arbeit beim LAYERS kennengelernt hatte, bin ich letztes Jahr vor Gericht gezogen und habe den Kindesunterhalt eingeklagt.
Ja, alleinerziehend zu sein, ist schwer. Ja, es gibt viele systemische Probleme, die gerade uns Mamas herausfordern und im Wege stehen. Aber wir alle haben in unseren Biografien auch Gestaltungs- und Entscheidungsfreiraum. Es ist nie zu spät, vom Träumen ins Tun zu kommen. Und ab morgen die Dinge anders anzupacken.
In einem Roman, den ich gerade lese, sagt der männliche Protagonist sinngemäß: Ihr Frauen dürft nicht darauf warten, dass das patriarchale System irgendwann doch noch fair zu euch ist. Ihr müsst es austricksen! Ich würde das anders formulieren:
Wir sollten die Hebel finden. Und nutzen. Hebel für Veränderung. Hebel, die uns helfen, nicht auf eingefahrenen Wegen und in Klischeekisten stecken zu bleiben.
Meine Hebel waren Bildung, mein Stipendium, Jobs und Erfahrungen, die ich sammeln durfte, aber auch Kontakte, die mir halfen, Türen zu öffnen – für ein glückliches und erfolgreiches Leben.
Was sind deine Hebel?

