Lücke im System: Mutterschutz für Selbstständige

Seit ich selbst Mutter bin, stolpere ich immer wieder über Situationen, in denen ich denke: Das kann doch nicht wahr sein. Wie kann es sein, dass Kitas im Sommer drei Wochen schließen, dass Betreuung nachmittags, in den Ferien oder bei Krankheit oft einfach nicht abgedeckt ist oder dass es keinen Mutterschutz für selbstständige Frau gibt?

Gerade dieser fehlende Schutz wiegt schwer: kein verlässliches Einkommen, keine echte Absicherung in einer Phase, in der beides eigentlich selbstverständlich sein sollte. Diese Lücken im System sind offensichtlich, und doch scheint sich kaum jemand daran zu stören.

Und wie lautet die unausgesprochene Lösung? Frauen. Frauen fangen auf, passen an, gleichen aus – und kaum jemand stellt das grundsätzlich infrage.

Mit dieser Kolumne möchte ich genau auf diese Lücken aufmerksam machen und meinen Beitrag dazu leisten, sie zu verändern und zu schließen – systemisch und strukturell, nicht durch Frauen, die noch mehr leisten.

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Tischlermeisterin Johanna Röh, hochschwanger in der Werkstatt. Foto: Jürgen Friedrich

Die Lücke

Es klingt wie ein schlechter Scherz, ist aber bittere Realität: Frauen, die direkt nach der Geburt wieder arbeiten, mit einem Baby auf dem Arm – nach meiner eigenen Erfahrung mit einem Neugeborenen kaum vorstellbar. Besonders hart trifft es diejenigen, die körperlich arbeiten, zum Beispiel im Handwerk. Johanna Röh ist eine von ihnen. Sie ist Tischlermeisterin und führt eine eigene Werkstatt. Als sie schwanger wurde, erlebte sie die Realität dieser Lücke am eigenen Leib: „Ich musste hochschwanger noch Baustellen abschließen, um sicherzugehen, dass ich meinen Betrieb nicht verliere und mir nach der Geburt überhaupt etwas Zeit nehmen kann. Auch bei Tätigkeiten, die für angestellte Tischlerinnen unter das Beschäftigungsverbot fallen, stellte sich für mich die Frage: Kann ich es mir leisten, das nicht zu tun?“, fasst Johanna ihre Situation vor der Geburt zusammen. Eigentlich hatte sie sich über Krankentagegeld abgesichert und stellte dann fest, dass diese Versicherung im Ernstfall nicht greift. Sie merkte schnell:

„Sobald du selbstständig bist und schwanger wirst, fällst du komplett aus dem System.“

Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem.

Die Folgen

Die Auswirkungen des fehlenden Mutterschutzes sind fatal. Individuell arbeiten Frauen weiter, obwohl sie es gesundheitlich nicht sollten und auch nicht mehr können. Die Belastungen sind enorm, teilweise sogar traumatisch. Es birgt gesundheitliche Risiken und Gefahren für das ungeborene und/oder neugeborene Kind und die Mutter.

Tun sie es nicht, verlieren sie Einkommen und im schlimmsten Fall ihren Betrieb. Strukturell hat das weitreichende Folgen: Es beeinflusst Gründungsentscheidungen, Nachfolgefragen und Investitionen. Während die Betriebe werdender Väter von der Familienplanung meist unberührt bleiben, bedeutet eine Schwangerschaft für Frauen einen massiven Wettbewerbsnachteil. Johanna kennt einige Beispiele, wo eine Selbstständigkeit wegen eines Kinderwunsches aufgegeben wurde. Auch sie wünscht sich ein zweites Kind, müsste sich aber aktuell gegen die Werkstatt entscheiden, weil sie keine Rücklagen für eine zweite Schwangerschaft hat. Kann das der Anspruch sein? Was hat das mit Vereinbarkeit zu tun?

Mich lassen solche Geschichten von Betroffenen mit Hilflosigkeit und Wut zurück. Ich fühle mich machtlos gegenüber dem System. Das empfand auch Johanna so und nimmt es als Anlass, um eine Petition zu starten aus der sich die Verein „Mutterschutz für Alle! e.V.“ und die Initiative bzw. das Bündnis „Mutterschutz für Selbstständige“ entwickelt. Dieses Bündnis hat sich 2022 um Johanna gegründet und setzt sich zusammen aus Verbänden, Kammern, Vereinen und Personen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Das Ziel ist einen klar verankerten Mutterschutz für selbstständige Frauen. Johanna beschreibt das so: „Uns ist wichtig, dass nicht nur das Einkommen abgesichert wird, sondern auch die Betriebe.

Wir wollen keine 1:1-Übertragung aus dem Angestelltenverhältnis, sondern Lösungen, die zur Realität der Selbstständigkeit passen.

Und vor allem: eine solidarische Finanzierung über Steuermittel und/oder eine Umlage.“ Es geht also darum eine gute Vereinbarkeit von Elternschaft und Selbstständigkeit zu erreichen. Weiter gedacht hat dies sogar positive Auswirkungen auf die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft. Wenn diese sensible Phase abgesichert ist, bleiben Betriebe stabil, Nachfolgen werden möglich und mehr Frauen entscheiden sich für den Schritt in die Selbstständigkeit. In Zeiten von Fachkräftemangel kann es sich eine Gesellschaft nicht mehr leisten, auf unternehmerisches Potenzial zu verzichten. Es hat also mehr Vorteile als Nachteile.

Woran hakt es – und wie ist der aktuelle Stand?

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Foto: Juliane Herrmann

Die Lösung

Johanna ist überzeugt, dass das Bündnis gerade an einem entscheidenden Punkt ist. Das Thema ist so präsent wie noch nie: Es wird flächendeckend darüber gesprochen, und es gibt politische Unterstützung, zum Beispiel von Verena Hubertz (Bundesbauministerin). Auch im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung ist verankert, die soziale Absicherung von Selbstständigen in „familienpolitischen Übergangsphasen“ zu prüfen und weiterzuentwickeln – inklusive einer Verbesserung der Rahmenbedingungen rund um Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft.

„Ich bin überzeugt, dass wir Verbesserungen im Mutterschutz bekommen werden. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie und wann sie kommt. Doch gleichzeitig merken wir, dass zwischen Bekenntnis und Umsetzung die eigentliche Herausforderung liegt“

– fasst Johanna die aktuelle Lage zusammen. Eine echte Lösung bedeutet, dass Geld in die Hand genommen werden muss – über Steuermittel oder eine Umlage. In Zeiten klammer Kassen und Haushaltslöchern ist dies politisch schwer umsetzbar: „Unsere Sorge ist deshalb, dass am Ende ein Kompromiss entsteht, der politisch gerade noch machbar ist, aber an der Realität vorbeigeht“, so Johanna.

Die nächsten Jahre entscheiden darüber, ob es eine gute, tragfähige Lösung für Frauen/Mütter gibt oder eine halbe, die das Problem nicht wirklich löst. Daran arbeitet Johanna gemeinsam mit all ihren Mitstreiter:innen. Gemeinsam bringen sie ihre Perspektive in die Politik ein und gestalten an Lösungen mit. Die konkrete Arbeit passiert viel im Hintergrund und besteht zum Beispiel aus Gesprächen mit Ministerien, Verbänden und Abgeordneten. Im Herbst sind größere Aktionen und Veranstaltungen geplant und für den Sommer wird ein erster Referentenentwurf erwartet. Für Johanna ist klar: „Wir werden nicht aufhören, bis wir an diesem Punkt sind, dass wir eine tragfähige Lösung auf dem Tisch liegen haben.

Mutterschutz ist kein individuelles Privileg, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung, von der am Ende alle profitieren!

Wenn es dir jetzt genauso unter den Nägeln brennt wie mir, kannst du Johanna und ihr Bündnis unterstützen, indem du ihre Petition unterschreibst, spendest oder selbst aktiv wirst. Denn die eigentliche Frage ist längst nicht mehr, ob es einen Mutterschutz für Selbstständige braucht, sondern wie lange wir bereit sind, diese Lücke noch hinzunehmen.

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