„Ich fühl mich schön – aber darf ich so rausgehen?“

Über die Angst, aufzufallen – und warum viele Frauen gelernt haben, sich lieber unsichtbar zu machen.

„Ich fühl mich voll schön – aber kann ich so rausgehen?“ Diesen Satz höre ich ständig von Frauen. Und ich glaube, viele von uns kennen ihn.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass vor allem wir Frauen im ehemaligen Osten wenig hilfreiche Sätze mit auf den Weg bekommen haben:

  • Schöne Frauen sind dumm.
  • Wer sich aufdonnert, hat ein zu großes Geltungsbedürfnis.
  • Du bist doch hübsch, du brauchst doch gar kein Make-up.
  • Leistung zählt, nicht Aussehen.

Na? Wie oft hast du gerade genickt? Hierzulande sind fast alle Frauen ü30 damit aufgewachsen, dass Leistung zählt, nicht Aussehen. Innere Werte sind wichtig, äußere dagegen verschwendete Lebenszeit. Ein ganzes Themengebiet wurde einfach aus unserer Jugend gestrichen, belächelt und für komplett unnütz, also überflüssig, erklärt.

Aber was hat es mit uns gemacht? Wir können sehr stolz darauf sein, dass wir Menschen nicht nach Optik bewerten. (Das denken wir zumindest.) Es hat allerdings auch dazu geführt, dass wir völlig verunsichert sind, ob wir es uns wirklich erlauben können, durch Styling aufzufallen.

Viele von uns haben nie gelernt, dass Sichtbarkeit etwas Schönes sein darf.

Wir haben gelernt, dass Leistung zählt. Aber bloß nicht zu sehr auffallen. Nicht zu schön. Nicht zu laut. Nicht zu viel. Der pinke Lippenstift – ist der nicht zu mutig? Die Haare offen und wellig – hui, das ist schon sehr festlich! Die Angst, angeschaut und gewertet zu werden, ist allgegenwärtig. Dabei wird Wertung immer zuerst negativ gesehen. Die Möglichkeit, dass die Wertung gut ausfällt, existiert bei den meisten gar nicht.

Erst gestern saß eine Braut im Probetermin vor mir, schaute sich strahlend im Spiegel an – und fragte im nächsten Moment, ob wir alles wieder abschminken können, bevor sie mit der Bahn nach Hause fährt.

Aber was würde denn passieren, wenn wir als Sonnenschein an einem grauen Tag wahrgenommen werden? Wie schlimm kann es sein, wenn uns jemand anlächelt, einfach weil wir selbst strahlen?

Eine Kundin schrieb mir gestern: “Anja, ich hab mich gestern das erste Mal selbst geschminkt nach unserem Training und hab mich richtig beobachtet gefühlt. Menschen haben mich plötzlich angeschaut. Manche haben gelächelt. Und trotzdem war mein erster Gedanke nicht: Vielleicht sehe ich schön aus. Sondern: Ist mein Mascara verlaufen?“

Wenn du auch zu den Frauen gehörst, die schöne Details im Leben lieben und die es leid sind, sich von alten, nicht mehr dienlichen Glaubenssätzen begrenzen zu lassen: Dann trau dich.

Wir brauchen mehr Frauen, die sich erlauben, sichtbar zu sein – ohne sich dafür zu entschuldigen.

Drei Dinge, die wir hier und heute tun können, um den alten Kram hinter uns zu lassen:

1. Mach einer Frau ein ehrliches Kompliment! Und ich meine damit nicht: “Hey, du siehst gut aus!”, sondern konkret und begründet. Sag sowas wie: “Ich liebe deine Lippenfarbe, die sieht sofrisch aus und bringt deine Augen gut zur Geltung!”. Das sorgt für mehr Mut und mehr Bewusstsein darüber, dass wir gesehen werden. Und dass es relevant ist, ob wir uns trauen.

2. Zieh dir heute mal den farbigen Pulli an, der schon seit zwei Jahren ungetragen im Schrank liegt, und trage eine Lippenfarbe auf, bei der du sonst denkst: „Zu auffällig“. Fühl es. Was macht es mit deinen Augen? Und wie viel mehr lächelt dein Umfeld heute zurück?

3. Stell dir die Frage: Hast du dir selbst eigentlich schon mal die Chance gegeben, alles rauszuholen, was in dir steckt? Oder kennst du nur (noch) den angepassten Teil? Kennst du eigentlich noch die Version von dir, die nicht angepasst ist?

Ich habe täglich Frauen im Studio, die nie für möglich gehalten hätten, dass sie strahlen können, ohne angepinselt auszusehen. Und dass “über sich hinaus wachsen” auch bedeutet, Altes loszulassen, das einfach nicht mehr in diese Zeit gehört.

Vielleicht geht es beim Strahlen gar nicht um Lippenstift. Sondern darum, sich selbst nicht länger kleiner zu machen.

Als Hair&Makeup Artist LAVISAGERIE hat Anja ein bewegtes Leben: Heute eine Braut, morgen den Bundeskanzler und die Ministerinnen, übermorgen ein Vortrag und danach ein Training mit Speakern und Businessmenschen, die ihre Botschaft schon vor dem ersten Satz rüberbringen wollen. Für sie ist Makeup-up und Styling nicht nur Spaß, sondern eine eigene Sprache und Tool für Achtsamkeit, Selbstwert und Kommunikation.

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