Von der Hausfrau zur Unternehmerin
Der schokoladige Duft der Tasse Kaffee in meinen Händen vermischt sich mit dem Duft von frisch gebackenem Karottenkuchen, während vereinzelte Sonnenstrahlen auf die erste Zeile des eingerahmten Spruchs an der Wand fallen.
Was braucht der Mensch zum Glücklichsein?
Unzählige Generationen von Frauen kümmerten sich um Kinder, Haushalt und Familie – ihr eigenes Glück stand oft hinten an. Aber was, wenn Frau auf einmal ihre eigenen Träume hat, ihre eigenen Interessen und Vorstellungen vom Glück und vor allem: Wenn sie fest entschlossen ist, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen?
Um dieser Frage nachzugehen, nehme ich euch mit auf eine kleine Zeitreise: 22 Jahre geht es zurück, es ist das Jahr 2004 und eine Frau, Mitte vierzig, feiert stolz die Eröffnung ihrer eigenen Backstube. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der Frauen klassischerweise das „Heimchen am Herd“ waren – noch bis 1977 war es Frauen in Westdeutschland nur dann erlaubt, einen eigenen Beruf auszuüben, wenn dies mit den „Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Diese Frau hatte aber schon früh das Bedürfnis danach, selbst etwas in der Hand zu haben und trifft schließlich eine große Entscheidung.
Sie wird die erste Frau in ihrer Familie (und eigentlich in ihrem ganzen Umfeld), die sich selbstständig macht.
Was braucht der Mensch zum Glücklichsein? Die Frau, die diesen Spruch an ihre Terrassenwand gehängt hat, hat sich selbst ihren Weg zum Glücklichsein hart erarbeitet. Und nun sitzt sie vor mir – meine Oma und ein großes Vorbild, wenn es darum geht, sich nie unterkriegen zu lassen – und erzählt mir bei einer dampfenden Tasse Kaffee und natürlich einem selbstgemachten Stück Karottenkuchen, wie sie damals diese Entscheidung getroffen hat, sich selbstständig zu machen und ob es einen Plan B gab. Sie erzählt von Herausforderungen, mit denen sie so niemals gerechnet hätte und vor allem erzählt sie vom Glücklichsein. Und wie sie sich dabei nie hat unterkriegen lassen.
Du warst 45, als du dich selbstständig gemacht hast. Wie kam es dazu und in welcher Lebensphase warst du zu diesem Zeitpunkt?
Der Gedanke, dass ich mein Hobby zum Beruf machen will, kam ziemlich spät, obwohl ich schon immer gerne gebacken habe. Mit 45 Jahren habe ich meinen ersten Backkurs besucht. Ich war so fasziniert, dass mich nicht mehr losgelassen hat, wie die Ergebnisse in einem Steinbackofen sind.
Zu der Zeit war ich noch berufstätig in der Sozialstation als Altenpflegerin und wusste nicht, ob so ein Brot überhaupt ankommen würde. Aber ich war unheimlich motiviert weiterzumachen, weil die Ergebnisse so gut waren und die Motivation schließlich auch für meinen Mann ansteckend war, der der Selbstständigkeit zunächst kritisch gegenüber stand. Beruflich konnte ich dann reduzieren und habe währenddessen gebacken – und die Nachfrage war da. Meinen Job in der Pflege musste ich ganz aufgeben, ich habe gemerkt, dass ich beides so nicht schaffe. Das war für mich nicht einfach, ich habe die Pflege auch geliebt. Aber die Leidenschaft für das Backen hat überwogen.
Mir hat die Unabhängigkeit sehr gefallen, allein für uns zu arbeiten und die Produkte zu vermarkten – obwohl es natürlich viel Arbeit war.
Wie hast du Arbeit und Privatleben organisiert?
Als ich mich später selbstständig gemacht habe, waren die Kinder schon ausgezogen, dahingehend waren wir entlastet. Aber alleine hätte ich es finanziell und organisatorisch nicht geschafft, ich habe meinen Mann unbedingt dazu gebraucht. Das war zwar erst ein großes Thema, aber ich habe ihn überzeugen können. Personal einstellen hätte sich auch nicht rentiert und es war definitiv ein Vorteil, dass der eigene Keller der Arbeitsort war, sodass wir uns nichts anmieten mussten. Finanziell hätte das sonst ganz blöd ausgehen können.
Wie habt ihr euch informiert und finanziell organisiert? Gab es einen Plan B?
Bücher über das Handwerk Backen gab es schon, aber über die Selbstständigkeit eher nicht. Die meisten Informationen haben wir von der Handwerkskammer bekommen. Letztendlich musste ich mich aber selbst reindenken, und hab natürlich – weil ich nicht vom Fach bin – immer wieder viel probiert und getestet.
Das hat viel Kraft und Energie gekostet und es ist einiges schiefgegangen.
Es kamen zwar immer Kleinigkeiten auf, an die man nicht gedacht hatte, aber wir haben immer sofort reagiert. Im Großen und Ganzen haben mein Mann und ich uns gut ergänzt.
Natürlich ist das Finanzielle wichtig gewesen und nach langem Hin und Her hat sich mein Mann bereit erklärt, mich auch dahingehend zu unterstützen. Wir hatten uns den Ofen und die Knetmaschine anschaffen müssen – und das sind horrende Preise gewesen.
Damit gab es dann auch kein Zurück mehr und keinen Plan B.
Außerdem waren wir finanziell entlastet, da mein Mann sein Gehalt hatte und mir meine Angestelltenverhältnisse angerechnet worden sind. Wir mussten also nicht allein vom Backen leben.
Mit welchen Herausforderungen hast du vorher nicht gerechnet?
Es hat sich schnell herumgesprochen, dass es hier ein gutes Produkt gab. Wir mussten also immer schauen, dass wir nicht zu viele Kunden hatten, gerade weil wir ja nur zu zweit waren.
Trotzdem war es für mich schwer, nein zu sagen und ich habe lange Zeit immer weitergemacht.
Das wurde dann schon manchmal viel, vor allem das frühe Aufstehen um vier Uhr früh war sehr belastend. Ich hatte dann noch nicht gefrühstückt und bin erst in den Keller, um den Teig zu machen. Nach dem Frühstück ging es dann direkt wieder in die Kellerküche.
Eine weitere Herausforderung war, dass man vielleicht empfindlicher ist, wenn man mit dem Partner zusammenarbeitet. Wenn doch etwas schiefgegangen ist, sind manchmal Sätze gefallen wie: „Wie willst du Brot verkaufen, wenn dir solche Sachen passieren?“ Das hat mich dann schon manchmal verletzt. Aber wir konnten immer darüber reden.
Gab es etwas, was dir in Situationen geholfen hat, in denen du aufgeben wolltest?
Wenn die Nerven blank liegen, dann denkt man schon darüber nach, warum man das überhaupt macht. Aber jetzt im Nachhinein:
Bei anderen gehen auch Sachen schief. Man darf nicht gleich alles hinschmeißen.
Es war jedes Mal eine Bereicherung, zu sehen, was man kann. Und dass man damit noch Geld verdient, ist natürlich schön.
Was würdest du jetzt sagen, war es vor über zwanzig Jahren schwerer oder leichter, sich selbstständig zu machen?
Es ist noch nicht so lange her, da hatte oft nur der Mann das Sagen und die Frauen wurden klein gehalten. Wenn der Partner natürlich nicht überzeugt war oder sagte: „Du schaffst das nicht und bleib mal schön am Herd“, dann hätte es nicht geklappt. Ich habe bei meinem Mann immer Gehör gehabt. Der Partner ist das A und O.
Hatte es eher Vorteile oder Nachteile, dass du dich erst mit 45 selbstständig gemacht hast?
Ich sehe es tatsächlich nur als Vorteil. Ich konnte die Kindererziehung machen und man hat mehr Ausdauer, wenn man älter ist. Man ist gewissenhafter und gelassener. Viel früher wäre das also keine Frage gewesen. Zudem hätten die finanziellen Mittel gefehlt und ich hätte es mich wahrscheinlich auch nicht getraut. Da hatte ich später im Alter mehr Mut.
Rückblickend habe ich viel gemacht: Hausfrau, Kinder erzogen, später den Beruf der Altenpflegerin, um doch noch etwas für mich selbst in der Hand zu haben und schließlich die Selbstständigkeit. Da hab ich nur gewonnen aus dem Ganzen.
Gibt es noch etwas, was du anderen Frauen raten würdest, die überlegen, sich selbstständig zu machen?
Gut überlegen: Was vermarktet man überhaupt und wie macht man es? Rechnen sollte man auch können und die Planung ist ganz wichtig. Ich hatte immer eine top Planung, sonst wäre das auch nichts geworden. Ich musste immer vordenken und vorarbeiten, aber das hat mir immer Spaß gemacht. Außerdem muss man heute auch in den sozialen Medien fit sein.
Aber wenn man motiviert ist, das unbedingt will und zudem noch gut darin ist, kann man es schaffen und damit sehr glücklich werden.
Ich würde alles auf jeden Fall wieder so machen.




