„Talent allein reicht nicht aus, wenn niemand davon weiß.“ Interview mit Charlott Josefin Heinze

Selbst & Ständig Interview

Wer an das Modelbusiness denkt, sieht oft Laufstege, Kampagnen und rote Teppiche. Was dabei leicht übersehen wird: Hinter den schönen Bildern steckt ein Beruf, der von Ablehnung, Eigenverantwortung und unternehmerischem Denken geprägt ist.

Charlott Josefín kennt beide Seiten. Bevor sie ihre ersten Erfolge feierte, erhielt sie Absagen von rund 30 Modelagenturen. Statt aufzugeben, baute sie sich ihren eigenen Weg – und wurde zur eigenen Marke. Heute arbeitet sie nicht nur als Model, sondern auch als Unternehmerin und Coach.

Im Interview spricht sie darüber, warum Sichtbarkeit wichtiger ist als Talent allein, wie sie mit finanziellen Schwankungen umgeht, weshalb Personal Branding im Zeitalter von KI an Bedeutung gewinnt und was Selbstständige aus ihrer Branche lernen können.

Du wurdest zunächst von rund 30 Modelagenturen abgelehnt. Viele hätten ihren Traum an diesem Punkt aufgegeben. Warum hast du trotzdem weitergemacht und was hat dir diese Zeit über Erfolg und Durchhaltevermögen beigebracht?

Ich habe trotzdem weitergemacht, weil ich ein Feuer in mir und eine große Leidenschaft gespürt habe, der ich einfach nicht nicht nachgehen konnte. Ich wollte es so sehr, dass für mich nie wirklich eine Option war, aufzuhören. Ich habe mir auch gesagt: Ich lasse mir nicht von außen einreden, dass ich nicht genug bin für etwas, das ich liebe. Deshalb habe ich mir immer gesagt: Ich arbeite a Plan A bis Plan A funktioniert.

Diese Zeit hat mir sehr viel über Erfolg und Durchhaltevermögen beigebracht. Ich habe verstanden, dass es nicht unbedingt die Menschen sein müssen, die von Anfang an perfekte Voraussetzungen oder das größte Talent mitbringen, die erfolgreich werden, sondern die, die ehrgeizig sind, die dranbleiben und sich nicht von Ablehnung entmutigen lassen.

Wann wurde dir klar, dass du nicht nur Model bist, sondern Unternehmerin?

Das wurde mir tatsächlich erst mit der Zeit richtig bewusst. Ich habe von Anfang an einen eher unkonventionellen Weg im Modelbusiness gewählt und bin nicht dem klassischen System gefolgt, in dem man sich bei einer Agentur bewirbt, aufgenommen und dann über diese vermittelt wird. Stattdessen habe ich mir mein eigenes System aufgebaut und war im Grunde meine eigene Agentur.

Aus dieser Entwicklung sind später auch meine Modelcoachings entstanden, in denen ich anderen Frauen helfe, ihren eigenen Weg im Modelbusiness zu finden und umzusetzen.

Wie hat dir dein Marketingstudium geholfen, deine eigene Marke aufzubauen? Und warum ist Personal Branding heute so wichtig?

Mein Marketingstudium hat mir vor allem gezeigt, wie entscheidend Sichtbarkeit ist. Wer nicht sichtbar ist, findet im Grunde nicht statt. Und ich habe früh verstanden: Talent allein reicht nicht aus, wenn niemand davon weiß.

Ich habe gelernt, dass oft nicht die Besten die Erfolgreichsten sind, sondern die, die am sichtbarsten sind.

Das bedeutet zwar nicht, dass Qualität keine Rolle spielt aber Sichtbarkeit entscheidet darüber, ob sie überhaupt wahrgenommen wird. Das habe ich mir von Anfang an zu Herzen genommen und umgesetzt, insbesondere über Social Media, aber auch durch Networking, Events und den direkten Austausch mit Kunden.

Mir war außerdem immer wichtig, Personal Branding aufzubauen. Ich wollte nie nur aufgrund meines Äußeren gebucht werden, sondern als Person, wegen meiner Werte, meiner Ausstrahlung und der Art, wie ich arbeite. Genau das schafft langfristig Wiedererkennung und macht einen als Model und Marke unabhängiger und im besten Fall unverwechselbar.

Wie sieht die finanzielle Realität im Modelbusiness wirklich aus und wie gehst du mit Schwankungen um?

Der Modelberuf wird oft sehr idealisiert. Es ist mein absoluter Traumjob, aber die Realität ist auch, dass nur ein kleiner Teil wirklich hauptberuflich davon leben kann, weil die Jobs stark schwanken. Viele Models arbeiten deshalb nebenberuflich.

Das bedeutet auch: kein fixes monatliches Einkommen, sondern immer Ups and Downs. Das hat mir früh gezeigt, wie wichtig ein bewusster Umgang mit Geld ist: Also sparen, planen und Verantwortung übernehmen.

Ich habe mich deshalb auch früh intensiver mit dem Thema Finanzen beschäftigt, ein Finanzcoaching gemacht und angefangen, gezielt zu investieren, um mir langfristig Sicherheit aufzubauen.

Kleiner fun fact: Ich habe mir ein eigenes Kontenmodell aufgebaut: Jede Gage wird direkt aufgeteilt, und ein kleiner Teil davon geht z.B. auf mein „Schnickschnack-Konto“. Das klingt vielleicht lustig, hilft mir aber total, einen Überblick zu behalten und trotzdem mir selbst auch mal etwas zu gönnen.

Was hättest du mit Anfang 20 gern über Geld, Verträge oder Selbstständigkeit gewusst?

Ich hätte vor allem gern früher angefangen zu investieren. In der Schule lernt man leider sehr wenig über Geld, Verträge oder Selbstständigkeit. Das habe ich mir Schritt für Schritt selbst beigebracht. Gleichzeitig hatte ich aber auch Glück, dass ich Menschen in meiner Familie habe, die selbstständig sind, vor allem mein Vater. Dadurch war ich nie komplett unvorbereitet, besonders was Themen wie Steuern angeht.

Das hat mir sehr geholfen, früh ein realistisches Verständnis zu entwickeln und nicht naiv in die Selbstständigkeit reinzugehen, sondern vorbereitet auf verschiedene Situationen zu sein.

Gab es einen Moment, in dem du gedacht hast: Jetzt habe ich es geschafft – oder verschiebt sich dieses Gefühl?

Dieses Gefühl hatte ich tatsächlich noch nie so richtig, weil es sich mit jedem Karriereschritt einfach weiter verschiebt. Gleichzeitig bin ich aber sehr glücklich und dankbar über jede einzelne Etappe, die ich erreiche.

Ein besonderer Moment war für mich im Mai, als ich zum ersten Mal bei den Cannes Filmfestspielen auf dem roten Teppich war, eines der größten Medienevents weltweit, das auch schon lange auf meinem Vision Board stand. Dass sich das dieses Jahr erfüllt hat, war ein großer Meilenstein für mich.

Trotzdem entstehen mit jeder neuen Erfahrung auch wieder neue Ziele. Ich freue mich über das, was kommt, und genauso über das, was ich bereits erreicht habe. Gleichzeitig merke ich, dass sich durch mein eigenes Wachstum und jede neue Erfahrung immer wieder neue Ziele und Meilensteine entwickeln, die ich vor ein oder zwei Jahren so noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Dadurch entsteht ständig etwas Neues, das mich weiter antreibt und begleitet.

Welche Seite des Modelbusiness kennen die wenigsten?

Viele sehen im Modelbusiness nur die fertigen Bilder, Kampagnen oder den Laufsteg. Was man dabei oft nicht sieht, ist der Weg dahin.

Dazu gehören Castings mit hunderten Models, die tägliche Konkurrenz und vor allem viel Ablehnung. Man bewirbt sich im Grunde jeden Tag neu, auch ich habe bei meiner ersten Runde bei über 30 Agenturen Absagen bekommen, da war ich gerade 18.

Daraus entsteht etwas, das viele unterschätzen: Man braucht ein sehr starkes Mindset. Viel Disziplin, Ehrgeiz und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Oft geht man ins Ausland, lebt in Model-Apartments mit Fremden und weiß nicht, ob Jobs oder Einkommen kommen. Es ist ein Leben mit viel Eigenverantwortung: Finanziell, organisatorisch und auch körperlich. Genau das macht es herausfordernd, aber am Ende auch zu einer intensiven Schule fürs Leben.

Welche Kritik am Modelbusiness hältst du für berechtigt und wo wird die Branche zu einseitig beurteilt?

Die Kritik ist in Teilen berechtigt. Es gibt im Modelbusiness definitiv Druck, gerade was Körperbild und Erwartungen betrifft. Damit muss man lernen umzugehen, und das schafft nicht jeder. Ich habe selbst erlebt, wie unterschiedlich lange sich Models in der Branche halten.

Gleichzeitig wird die Branche oft sehr einseitig gesehen. Viele denken immer noch, Models seien nur schön, aber nicht besonders intelligent und das entspricht einfach nicht meiner Erfahrung. In meinem Umfeld sind viele Models parallel studierend oder haben ganz andere Berufe. In meinem Coaching habe ich zum Beispiel eine Oberärztin oder eine Juristin. Das zeigt mir sehr deutlich: Nur weil jemand vor der Kamera arbeitet, sagt das nichts über Bildung oder Intellekt aus. Im Gegenteil, oft steckt sehr viel Ehrgeiz, Disziplin und Erfahrung dahinter!

Dein Körper ist im Modelbusiness gleichzeitig Kapital und ständig bewertet. Wie schützt du dein Selbstwertgefühl davor, dass dein Erfolg zu sehr vom Aussehen abhängt?

Was mir dabei sehr hilft, ist das Feedback direkt am Set. Ich merke immer wieder, dass ich nicht nur wegen meines Aussehens gebucht werde, sondern vor allem wegen meiner Arbeitsweise, meiner Professionalität und meiner Persönlichkeit. Und genau das macht mich auch stolz.

Ich glaube, das lässt sich gut auf viele Branchen übertragen:

Am Ende entscheidet oft die Zusammenarbeit mit Menschen. Wenn es menschlich oder professionell nicht passt, spielt es keine Rolle, wie gut etwas auf dem Papier aussieht.

Im Modelbusiness ist es genauso, ein schönes Gesicht allein reicht nicht. Entscheidend ist, wie man arbeitet, wie zuverlässig man ist und wie man im Team funktioniert. Und genau das gibt mir auch Sicherheit und hält meinen Selbstwert unabhängig vom reinen Aussehen.

Glaubst du, dass Models durch KI ersetzbar werden oder wird Authentizität dadurch wichtiger?

Es ist so, dass durch KI schon jetzt bestimmte Jobs im Modelbereich wegfallen oder sich verändern. Gleichzeitig entstehen aber auch neue Anfragen und neue Formen von Zusammenarbeit, auch im KI-Kontext selbst. Ich glaube aber, dass dadurch vor allem zwei Dinge noch wichtiger werden: Authentizität und Personal Branding. Genau das vermittle ich auch in meinen Coachings: Sich selbst sichtbar zu machen, für die eigenen Werte zu stehen und die eigene Persönlichkeit bewusst aufzubauen.

Ein reines ‚hübsches Gesicht‘ kann ersetzt werden. Eine echte Persönlichkeit nicht. Deshalb wird es in Zukunft noch wichtiger sein, sich klar zu positionieren und sichtbar zu sein.

Social Media ist dafür für Models ein extrem starkes Tool, das ich auch wirklich jedem ans Herz legen würde.

Wenn du heute noch einmal ganz von vorne anfangen müsstest: Welche drei Entscheidungen würdest du wieder genauso treffen – und welche ganz sicher nicht?

Was ich definitiv wieder genauso machen würde, ist, mich selbst zu vermarkten und nicht darauf zu warten, entdeckt zu werden, sondern meinen eigenen Weg aktiv zu gestalten.

Zweitens würde ich mich wieder nicht von Ablehnung verunsichern lassen, sondern trotzdem weitermachen. Rückblickend war das für mich sogar ein Antrieb, mir selbst zu beweisen, dass es möglich ist.

Und drittens würde ich wieder anfangen, mein Wissen weiterzugeben und andere Frauen auf diesem Weg zu begleiten, weil genau daraus sehr viel Sinn und Erfüllung für mich entstanden ist.

Was ich heute anders machen würde? Ehrlich gesagt fällt mir da nichts Konkretes ein. Ich glaube sehr daran, dass alles, was passiert, seinen Grund hat und einen weiterbringt, auch die Dinge, die sich im Moment vielleicht nicht gut angefühlt haben.

Welchen einen Rat würdest du einer jungen Frau geben, die von Modelbusiness oder Selbstständigkeit träumt?

Just do it! Viele, gerade Frauen, denken sehr viel nach, haben Zweifel oder trauen sich am Ende nicht loszugehen und machen sich dadurch oft selbst kleiner als sie sind. Das finde ich so schade!

Ich habe über die Jahre gelernt, dass die Antworten nicht im Kopf entstehen, sondern im Tun. Man kann vieles nicht komplett planen, man muss manchmal einfach ins kalte Wasser springen. Die Lösungen, die Klarheit und auch das Wachstum kommen erst unterwegs. Oder wie meine Oma immer sagt: Probieren geht über Studieren.

Vielen Dank für deine Antworten, Charlott!

Francis arbeitet seit 2014 als selbständige Social Media Managerin und Beraterin. 2020 hat sie das LAYERS mag gegründet. Was andere Frauen antreibt, ihre Geschichten und persönlichen Erfahrungen interessieren Francis am Meisten. Auf LAYERS findet ihr daher zahlreiche Interviews mit spannenden Unternehmerinnen und selbstständigen Frauen.

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