Musik war für mich nie geplant. Wenn mich vor drei Jahren jemand gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, einmal als Rapperin auf einer Bühne zu stehen, hätte ich wahrscheinlich gelacht. Nicht, weil ich Rap nicht mochte – im Gegenteil. Deutschrap begleitet mich schon lange. Sondern weil Musik in meinem Selbstbild schlicht nicht vorkam.
Ich war Journalistin, Texterin, Podcasterin, Kreativ-Freelancerin. Ich schrieb Reiseliteratur, hielt Multimedia-Vorträge und Lesungen über meine Erlebnisse in aller Welt. Geschichten waren schon immer mein Zuhause. Nur eben nicht in Form von Musik.
Manche Möglichkeiten warten geduldig
Der Grund dafür war erstaunlich einfach. Ich bin mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, nicht musikalisch zu sein. Im Musikunterricht war das die Botschaft, die bei mir ankam. Singen? Eher schwierig. Tanzen? Auch nicht. In der Tanzschule merkte ich schnell, dass ich mit festen Schrittfolgen wenig anfangen konnte. Heute weiß ich: Das bedeutete nie, dass mir Rhythmus fehlt. Ich brauche nur Freiheit statt Vorgaben. Beim Ecstatic Dance kann ich stundenlang im Takt der Musik verschwinden.
Damals wusste ich das noch nicht. Stattdessen glaubte ich eine Geschichte über mich selbst, die gar nicht meine war.
Und trotzdem passierte etwas Merkwürdiges. Als Teenagerin lief ich durch einen Buchladen und kaufte mir ganz intuitiv ein Buch mit dem Titel „Songtexte schreiben“. Warum? Ich hatte keine Ahnung. Ich zeigte es Menschen in meinem Umfeld und hörte immer wieder denselben Satz: „Dafür müsstest du musikalisch sein.“ Das Buch wanderte trotzdem mit mir durchs Leben.
Ich gehöre zu den Menschen, die regelmäßig entrümpeln. Bücher, die ich nicht mehr brauche, verschenke ich. Dieses Buch blieb. Jahrzehntelang. Heute kommt es mir fast so vor, als hätte nicht ich das Buch aufgehoben, sondern das Buch auf mich gewartet.
Mit dem Loslassen kam der Halt
Das Jahr 2020 wurde für mich ein Wendepunkt. Während und nach der Corona-Zeit veränderte sich vieles. Ich begann erst anders und dann noch intensiver zu reisen – nicht mehr auf der Suche nach der nächsten Reportage, sondern nach mir selbst. Ich verbrachte Zeit in buddhistischen Gemeinschaften, beschäftigte mich mit persönlicher Entwicklung und begegnete einer Erkenntnis, die mich nicht mehr losließ: Mein Lebensweg durfte noch einmal eine andere Richtung einschlagen. Also begann ich zu suchen: Nach meiner Bestimmung, nach meinem Platz. Nach dem einen großen Ding. Und je intensiver ich suchte, desto weniger fand ich.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht länger suchen musste. Vertrauen schien der bessere Weg zu sein. Ich beschloss, die Antworten nicht länger erzwingen zu wollen, sondern darauf zu vertrauen, dass das, was zu mir gehört, mich finden würde.
„Mit dem Loslassen kommt der Halt.“ Dieser Satz wurde zu meinem inneren Kompass.
Ein Badputz, der alles veränderte
Einige Monate später hatte ich ein paar freie Tage zuhause. Keine Termine. Keine To-do-Liste. Ich entrümpelte aus Freude am Aufräumen, stellte dabei erneut das alte Songtexte-Buch zurück ins Regal, meditierte, las, genoss einfach die Zeit mit mir selbst. Am letzten dieser Tage putzte ich mein Badezimmer. Deutschrap lief im Hintergrund. Und plötzlich war sie da. Eine Zeile. Nicht angestrengt. Nicht gesucht. Sie war einfach da. Während meine Hand über den Badspiegel wischte, wusste ich augenblicklich: Das gehört zu einem Song.
Ich schrieb die Zeile ins Handy. Dann kam die nächste. Und die nächste. Putzbewegung für Putzbewegung entstand ein kompletter Text. Nach 45 Minuten saß ich am Laptop und hatte meinen ersten Song geschrieben. In der Woche darauf entstanden drei weitere.
Von da an floss Sprache nicht mehr nur durch meine Texte, sondern durch Musik. Ich vergaß beinahe, an Bahnhöfen auszusteigen, weil ich mitten im Schreiben war. Ich stand auf dem Weg zur Pizzeria an roten Ampeln und musste neue Zeilen ins Handy tippen. Nachts hielt mich mein Kopf wach, weil ständig neue Texte auftauchten.
Es fühlte sich nicht so an, als hätte ich Musik entdeckt.
Es fühlte sich an, als hätte Musik mich entdeckt.
Warum ich lieber echt als perfekt bin
Natürlich fragen mich viele, ob ich mit fast 40 keine Angst hatte, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Nicht, weil ich besonders mutig bin. Sondern weil dieser innere Ruf so stark ist, dass ich ihm einfach folgen muss, es geht nicht anders.
Meine Zweifel hatten nichts mit meinem Alter zu tun. Sie drehten sich vielmehr um die Frage, ob ich musikalisch genug sei. Reicht meine Stimme? Ist mein Flow gut genug? Muss ich mit anderen Rapper:innen mithalten?
Irgendwann wurde mir klar, dass diese Fragen gar nicht entscheidend sind. Entscheidend ist, ob etwas wahrhaftig ist. Ich habe gelernt, dass Perfektion völlig überschätzt wird. Wenn Künstler:innen auf der Bühne einen Fehler machen, liebe ich genau diese Momente. Sie erinnern uns daran, dass dort ein Mensch steht und keine Maschine. Warum also sollte ich mir selbst etwas anderes erlauben als anderen?
Warum Lebenserfahrung der bessere Beat ist
Vielleicht ist genau das die größte Freiheit, die das Älterwerden mit sich bringt. Ich muss niemandem mehr beweisen, wer ich bin. Ich kenne mich. Ich weiß, was ich kann. Und ich weiß inzwischen auch, dass ich Herausforderungen nicht vorher lösen muss. Es reicht zu vertrauen, dass ich der Mensch sein werde, der sie lösen kann, wenn sie auftauchen.
Dieses Vertrauen hat mich bis nach Barcelona getragen. Bei einer Open Mic Night lief nichts wie ich es mir gewünscht hatte: Keine Beats, kein Mikrofon. Stattdessen spielten zwei Musiker live und ich entschied spontan, meinen Rap auf ihre Musik zu performen. Früher hätte ich gedacht: Das kann ich nicht. Heute denke ich: Probieren wir’s.
Es wurde einer meiner magischsten Auftritte.
Es ist nie zu spät für die eigene Geschichte
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft meiner Geschichte: Nicht, dass man mit 40 noch Rapperin werden kann, sondern dass wir aufhören dürfen, die Geschichten über uns selbst zu glauben, die andere irgendwann einmal für uns geschrieben haben.
Wenn meine Musik und mein eigener Weg auch nur einen Menschen dazu ermutigen, dem zu folgen, was tief in ihm lebendig werden möchte, dann hat all das bereits seinen Sinn gefunden.
Die größten Veränderungen beginnen oft dort, wo Vertrauen größer wird als Kontrolle.
Und bestimmte Wege zeigen sich erst, wenn wir aufhören, nach ihnen zu suchen. Und manchmal beginnt ein neues Leben eben genau dort, wo man es am wenigsten erwartet: Mit einem Schwamm in der Hand und Deutschrap aus der Bluetooth-Box.
Mady Host aus Magdeburg ist Journalistin, Autorin und Podcasterin. Nach vielen Jahren als Reisejournalistin schlägt sie mit Anfang 40 unter ihrem Künstlernamen Frau Host ein neues Kapitel auf: Sie schreibt und performt eigenen Deutschrap – mit Texten über das Menschsein: Neuanfänge, Verlust, Hoffnung und den Mut, den eigenen Weg zu gehen. Aktuell sammelt sie per Crowdfunding Unterstützung für neue Musik, Musikvideos und den weiteren Aufbau ihres Musikprojekts.


