Mein schlimmster Chef? War ich selbst. 

Was würdest du über einen Chef sagen, für den dein Einsatz nie genug ist, der minutiös deinen Output trackt und ständig deine Leistung kommentiert? Ein absoluter Albtraum, oder?! Genau so einen Chef hatte ich – nämlich mich selbst. 

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Alle Fotos: Julia Marie Werner

Der Weg in die Selbstständigkeit war für mich ein Zeichen maximaler Freiheit. Nicht nur die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Aufträge ich annehme. Sondern vor allem die innere Haltung:

Ich muss gar nichts. Niemand kann mich zwingen.

Überlegen fühlte ich mich in Gesprächsrunden über schwierige Kolleg:innen und verquere Führungskräfte; müde lächelte ich bei Teamcoachings, wenn von komplizierten Rollenverteilungen und unklaren Erwartungen die Rede war. „Nicht jeder kann so Glück haben und keinen Chef haben“, dachte ich mir dabei. 

Ich liebte meine flexiblen Arbeitsumstände: An einem Dienstagvormittag durch die Stadt zu schlendern, am Sonntagnachmittag Deep Work zu machen. Ich kümmerte mich gerne um alles – kreative Seminarkonzepte, Akquise, Reiseplanung, Buchhaltung. Obwohl ich das Gefühl hatte, immer alles unter Kontrolle zu haben, passierte etwas, das ich zu spät bemerkte: Ich stellte den schlimmsten Chef aller Zeiten ein. Einer der meine Handlungen kontrollierte und kommentierte, der beim kleinsten Produktivitätsloch direkt eine Verwarnung aussprach, der mich klein machte und meine Termine unrealistisch plante.

Mein innerer Chef erhöhte die Ansprüche schleichend.

Ich gewöhnte mir an, schon morgens im Bett meine Mails zu checken, obwohl nichts Dringendes anstand. Meine Familie wusste irgendwann automatisch, dass ich jedes Wochenende arbeitete. Ich nahm Anfragen an, weil ich geeignet war, nicht weil sie mir passten. Pausetage zwischen Workshops verschwanden im Kalender. Ich fühlte mich getrieben und gleichzeitig ausgebrannt. 

Hätte man mich damals gefragt, was der Grund ist, hätte ich Kund:innen, Deadlines oder Existenzängste genannt. Alles nicht falsch. Aber der überlastende Antrieb saß woanders: in mir selbst.

Überlastung entsteht durch zu hohe Anforderungen kombiniert mit einem zu kleinen Handlungsspielraum. Auf dem Papier sah ich mich als Selbstständige davon nicht betroffen: Niemand kann mir etwas vorschreiben, ich kann doch alles machen! 

In der Realität konnte ich meinen inneren Chef nie zufriedenstellen. Nach jedem abgeschlossenen Projekt fragte er mich, wie es weitergehen soll. Priorisierung interessierte ihn nicht, alles war gleich wichtig. 

Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, zu nichts nein sagen zu können.

Wenn es in mein Profil passte, wurde es gemacht. Mein hochgelobter Handlungsspielraum schrumpfte mit jedem Arbeitstag. 

Besonders schlimm wurde die Überlastung während ich an meinem neuen Buch „Weniger Machen, Mehr Schaffen“ arbeitete. Es ist ein Leitfaden für den Weg aus der Überlastung im Arbeitsalltag – wie praktisch, dass mein innerer Chef mir ständig neues Anschauungsmaterial lieferte. 

Vorbei die Zeiten, in denen ich mittags irgendwo schlenderte – geschlendert wurde höchstens auf dem Walking Pad am Schreibtisch, denn raus an die frische Luft schaffte ich an Bürotagen oft gar nicht. 

Je mehr ich rotierte, desto mehr Lasten nahm ich auf.

Ich verwechselte meine Möglichkeiten mit Verpflichtungen. Verpflichtungen, die mein innerer Chef mir aufdrückte.

Ich konnte am Sonntag arbeiten — also arbeitete ich irgendwann jeden Sonntag.

Ich konnte Projekte konzipieren, verkaufen, durchführen und abrechnen — also machte ich alles selbst.

Ich habe ein breites Angebotsportfolio — also wurde jede Anfrage angenommen.

Ich konnte mich nur auf mich verlassen— also merkte ich zu spät, dass ich mich selbst ausbeutete.

Mein innerer Chef hätte diese Liste wahrscheinlich als Beweis für erfolgreiche Selbstständigkeit gelesen.

Jetzt kommt kein Wendepunkt, kein „aber mit diesem Trick habe ich es geschafft“. 

Mein Buch ist fertig, aber Wissen allein schützt uns nicht. Nachdem ich emotional von eigenen Erwartungen zu Boden gedrückt und wieder einen Urlaub krank am Schreibtisch verbracht habe, zog ich die Notbremse. 

Ich fing an, meinem inneren Chef Zuständigkeiten zu entziehen. Er darf heute nicht mehr allein über meinen Kalender entscheiden.

Ich habe nach wie vor einen hohen Anspruch an meine Arbeit, aber genauso finden sich Spaziergänge, faule Nachmittage und Prokrastination in meinem Kalender. 

Ich musste lernen: Nicht alles, was ich kann, muss zu meiner Aufgabe werden. Ich achte bewusst auf meine Energie: Bei welchen Aufgaben ich sie verschwende, und welche mich aufladen. Ich sagte viel häufiger Nein zu neuen Anfragen. Das Finanzielle spielt dabei eine Rolle. Aber nicht die einzige. Mit jedem Nein schärfe ich meinen Fokus, das, was mir wirklich wichtig ist und worin ich noch besser werden will.

Ich beschütze meinen Fokus durch Abstand, nicht durch Disziplin. Ich halte mich vor digitaler Ablenkung und der allgegenwärtigen Vergleichbarkeit fern. Denn die würde meinen schlimmsten Chef wieder zum Vorschein bringen.

Manchmal meldet er sich noch. An schwachen Tagen oder bei heiklen Entscheidungen. Aber ich wäre nicht selbstständig, wenn ich immer auf ihn hören müsste.

Marina Schakarian begleitet seit vielen Jahren Teams, Führungskräfte und Organisationen dabei, Überlastung zu reduzieren und wirksamer zusammenzuarbeiten. Als Expertin für Transformation, Führung und moderne Arbeitswelten arbeitet sie unter anderem mit ARD, ZDF und Sky. In ihrem neuen Buch „Weniger machen, mehr schaffen“ zeigt sie, warum bewusstes Loslassen oft der Schlüssel zu mehr Erfolg, Fokus und Zufriedenheit ist.

LAYERS Buchtipp: Weniger machen, mehr schaffen – Aufhören, loslassen, fokussieren. Der Weg zu weniger Überlastung im Arbeitsalltag (Redline Verlag, erscheint am 24.06.2026). Ein praxisnaher Leitfaden für alle, die sich zwischen To-do-Listen, Verantwortung und Selbstanspruch nach mehr Klarheit und Leichtigkeit sehnen.

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