In Gesprächen werde ich häufig gefragt, wie ich denn herausfinde, welche Art von Styling meine Kundin tatsächlich braucht. Und ich habe dazu ein offenes Geheimnis: Ich bin nicht nur Makeup Artist, sondern auch moderne Facereaderin (Physiognomin). Wenn ich das erwähne, löst das sehr oft direkt Unbehagen aus: „Oh, liest du etwa gerade mein Gesicht?” (Es ist schon schlimm genug, dass du wahrscheinlich grad mein Makeup von heute Morgen bewertest!)
Dicht gefolgt von: “Ist Facereding nicht gefährlich, weil es Menschen in Schubladen steckt? Das war geschichtlich gesehen schonmal hoch problematisch!” Und abschließend: “Make-up ist doch reine Manipulation!”
Meine Antworten: Ja, Nein, Ja, Ja und Jein.
Ich lese dein Gesicht – aber ich bewerte dich nicht
Aber von vorne:
Natürlich lese ich Gesichter. Aber nicht nur ich, sondern auch du und jeder andere Mensch mit Augen. Wir machen das unbewusst bei jeder Begegnung automatisch. Nur können die meisten nicht benennen, was sie da fühlen. Ich schon.
Und das wird spätestens dann interessant, wenn du beruflich sichtbar bist. Vor Kunden, auf Social Media, auf einer Bühne oder als Personenmarke.
Denn bevor du überhaupt etwas sagst, ist schon etwas angekommen: Bist du selbstbewusst? Betonst du deine fühlende Seite oder die rationale? Hast du ein dickes Fell oder bist du zart besaitet? Bist du gern „vorn“ oder die leise Superkraft im Hintergrund?
Ich als Physiognomin kann Eigenschaften deutlicher wahrnehmen und dadurch bessere Fragen stellen. Für mich ist Facereading dabei keine wissenschaftliche Diagnose, sondern eine Methode. Ich sehe, interpretiere und frage nach. Wenn ich den Eindruck habe, dass du eine Frau für Feinheiten bist, werde ich dir kein Styling überstülpen, das dich unnötig hart erscheinen lässt. Wenn deine Form und Energie für mich Ruhe und Strategie ausstrahlen, kann ich dich fragen, ob du dich dem Hustle der Präsenz überhaupt aussetzen willst.
Natürlich schaue ich in dein Gesicht und bemerke, was du heute Morgen getan hast und was jetzt noch davon übrig ist. Ich nehme im Gespräch auch wahr, ob du bewusst geschminkt hast oder dein Makeup einfach „schon immer so war“. Das heißt aber nicht, dass ich pausenlos bewerte im Sinne von “gut oder schlecht”.
Ich sehe dein Potential und ob du es ausschöpfst, aber ich verurteile dich nicht, weil es schnell gehen musste oder deine Priorität generell nicht auf äußerer Gestaltung liegt. Das ist ein feiner Unterschied.
Die Physiognomie verschafft mir einen großen Vorsprung, das ist mir bewusst. Wissen ist bekanntlich Macht und die wurde schon immer gern missbraucht. Das Problem war historisch aber nie das Gesicht, sondern Menschen, die glaubten, über andere urteilen zu dürfen. Ich nutze sie, um zu hinterfragen und zur Selbsterkenntnis zu führen. Wenn ich vermute, dass meine Kundin eine bewegungsorientierte Pragmatin ist, die keine Zeit für Schnickschnack aufwendet, dann kann ich das im Gespräch gezielt bestätigen lassen und damit viel effizientere Stylings für sie finden.
Ich rate niemals. Und ich entscheide auch nicht, wie eine Frau wirken SOLLTE.
Die eigentliche Frage für dich und dein Business ist: Wie möchtest DU gesehen werden? Was fühlt sich nach dir an? Welche Tools könntest du nutzen, damit deine wahre Größe fühlbar wird?
Durch meine Arbeit übersetze ich Persönlichkeiten.
Aus meiner Perspektive sind Inspirationen aus den sozialen Medien das eigentliche Risiko. Fast alles, was man dort findet, sieht “schön” aus. Technisch perfekt, in nettem Setting. Aber die physiognomisch neu gezeichneten Eigenschaften sind eine Zumutung! Plötzlich hat jede dritte Frau einen unechten Schmollmund (es gibt Gründe, warum der im Volksmund so genannt wird ;)) und Augenbrauen, die uns wie Pfeilspitzen automatisch in Abwehrhaltung bringen. Am Ende tragen alle dasselbe Gesicht, nur auf unterschiedlichen Köpfen.
Make-up ist aber keine Dekoration, sondern eine Sprache! Wer sich ihrer bedient, sollte sie auch verstehen.
Höhere Brauen erzählen etwas anderes als gerade, schmalere Lippen etwas anderes als volle. Scharfe Konturen senden andere Signale als weiche Übergänge. Die meisten Frauen verändern ihr Gesicht, ohne zu wissen, welche Botschaft sie damit aussenden.
Vor allem berufliche Sichtbarkeit ist immer auch Inszenierung, ein shortcut zu unserer Kernbotschaft, wenn man so will. Wir müssen heute nicht mehr zwingend „businesslike“ aussehen, niemand erwartet das. Aber das macht die viel größere Frage auf: was will ich denn kommunizieren? Wer bin ich denn in meiner Rolle als Unternehmerin? Was soll beim Gegenüber ankommen?
Gutes Make-up macht sichtbar, wer du bist
Zusammengefasst:
Gutes Makeup ist nicht das, was nur “schön aussieht”, sondern das, was am ehrlichsten verdeutlicht, wer du bist und wie du dich zeigen willst. Jeder Pinselstrich kann deine Botschaft verändern und daher brauchen wir nicht mehr Schminke, sondern mehr Bewusstsein darüber, wer wir sind, wie wir gesehen werden möchten und wie die Tools funktionieren.
Du hast konkret Fragen zum Lesen von Styling? Schreib es gern in die Kommentare, ich beantworte sie gern!

