Wandel im Business: Wie ich mich nach 11 Jahren Selbständigkeit gerade neu erfinde

Anfang letzten Jahres feierte ich meinen 10. Ateliergeburtstag. Dankbar und stolz blickte ich auf 10 erfolgreiche, aber auch herausfordernde und anstrengende Jahre mit eigenem Business zurück. Dieses Jubiläum war für mich nicht nur ein Grund zum Anstoßen, sondern auch ein Anstoß im wortwörtlichen Sinne. Schon eine Weile verspürte ich das Bedürfnis, das Konzept meines Ateliers zu überarbeiten. Einen klaren Fahrplan hatte ich dafür nicht, lediglich mein Bauchgefühl, das seit der Gründung immer ein guter Wegweiser gewesen war. 

Nichts ist so beständig wie der Wandel

Angefangen hatte der Wandel bereits 2020, mit Corona und der Geburt unseres Sohnes. Abgesagte Hochzeiten und Lockdowns zwangen uns im Atelier für Brautmode, täglich flexibel zu bleiben und uns neu zu erfinden. Wir nähten Masken, fingen an, Kundinnen via Zoom zu beraten und bauten unseren Onlineshop aus. Das Tagesgeschäft übernahmen meine Mitarbeitenden, so dass ich die Zeit mit kleinem Kind genießen konnte. Wenn der Kleine im Bett war, wartete trotzdem meist noch ein Onlineshop-Update, eine Kunden-E-Mail oder die Kommunikation mit meinem Team auf mich – abgesehen von so einigen Zukunftsängsten.

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Foto: Beatrice Bauer

Irgendwann nach der Krise kam das neue Normal, mein Sohn ging in die KiTa – und in mir entstand plötzlich der Wunsch, etwas Neues zu lernen. Ich wollte in meine Weiterbildung investieren, was ich als Selbständige nicht so häufig getan hatte. Die Coachings, die ich im Laufe der Jahre zu verschiedenen Themen gebucht hatte, hatten mich immer ein Stück weitergebracht. Jedes Mal dachte ich: Warum habe ich das nicht schon viel früher gemacht? Dieses Mal ging es aber gar nicht primär um die Weiterentwicklung meines Unternehmens. Vielmehr wollte ich nach einer Zeit ohne Leichtigkeit im Business endlich wieder meiner Freude folgen. Mode liebte ich nach wie vor und wollte ihr treu bleiben. Gleichzeitig verspürte ich den Wunsch, meine Kundinnen umfassender zu begleiten als wir das mit der Anfertigung und dem Verkauf von Brautmode und Accessoires bisher getan hatten. Und ich wollte, im wortwörtlichen Sinne, wieder mehr Farbe in mein Leben bringen.

Die Liebe zur Farbe als Beginn von etwas Neuem

Als ich die Weiterbildung zur Farb-, Typ- und Imageberaterin buchte, hätte ich nicht gedacht, wie groß dadurch die Veränderung in meinem Business sein würde. Farben liebte ich seit meiner Kindheit, vielleicht geprägt durch die Pakete der Westverwandschaft voller knallbunter Oilily-Kleidungsstücke. In der Schulzeit hatte ich dann angefangen Figurinen mit Outfits zu zeichnen. Mit 14 saß ich zum ersten Mal an der Nähmaschine. Als ich nach Schneiderlehre und Designstudium 2015 mein Atelier eröffnete, begann eine wunderschöne Reise.

Doch mit der Zeit merkte ich: Wenn man sein Hobby zum Beruf macht, hat man kein Hobby mehr. 

Mit der Farb- und Typberatung kam etwas von dem spielerischen Umgang mit Mode in mein Leben zurück. Es bereitete mir einfach große Freude und vor jeder Beratung verspürte ich eine leichte Aufregung. Die Arbeit mit den Kundinnen an ihrem Stil schenkte mir auch viele neue Ideen für meine eigenen Designs. Da war endlich wieder das Bauchkribbeln, das mir mit jedem Jahr im eigenen Business ein Stück mehr abhanden gekommen war – durch finanziellen Druck, Verantwortung und all die Schreiben von Finanzamt, Krankenkasse und Co. War mal Zeit für Kreativität geplant, kam sicher eine neue EU-Verordnung um die Ecke oder das Kind wurde krank.

Ein neuer Fokus für mein Business

Machen wir uns nichts vor: die kleinen und großen Probleme im Unternehmerinnen-Alltag waren durch die neue Perspektive nicht von einem Tag auf den anderen weggefegt. Vermutlich wird es immer diese Tage geben, an denen gefühlt alles schief läuft. Doch plötzlich wurde mein Fokus wieder klarer und ich hatte neuen Schwung zur Umsetzung. Anfangs hatte ich noch gedacht, ich würde das Wissen aus der Weiterbildung einfach in meine bisherige Arbeit einfließen lassen. Doch als ich merkte, wie viel Freude mir die Beratungen machten, bot ich diese als separate Dienstleistung in meinem Atelier an.

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Foto: Beatrice Bauer

Der Wandel vom Atelier für Brautmode zum Atelier für Stil hatte begonnen.

Ein Klischee, welches mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet: die Themen Mode und äußeres Erscheinungsbild sind oberflächlich, unnötiger Luxus. Tatsächlich merkte ich schnell, wie tiefgreifend die Veränderung für viele meiner Kundinnen war. Endlich konnten sie sich so zeigen, wie sie wirklich waren oder sein wollten. Manchmal schaffte ich es vor dem Spiegel, ein negatives Selbstbild, das jahrzehntelang bestand, gerade zu rücken. Nicht selten waren die Beratungen eine Erlaubnis, endlich sichtbar sein zu dürfen: privat und im Berufsleben. Die Ergebnisse erfüllten mich mit Stolz und Freude und zeigten mir einmal mehr, wofür ich angetreten war. 

Ladenumzug 2.0: Nach dem Chaos kommt die Klarheit

Während ich meine Beratungen also ebenfalls im Atelier durchführte, lief das Tagesgeschäft mit der Brautmode weiter. Ab und zu gab es Überschneidungen: eine Braut buchte ebenfalls eine Farbberatung. Oder eine Kundin von der Stilberatung heiratete und fragte uns für eine Maßanfertigung an. Insgesamt störte es mich aber zunehmend, zwei so unterschiedliche Geschäftsfelder zu bespielen.

Nach und nach reifte die Idee, unsere Positionierung zu verändern. Anfang 2026 zog mein Atelier in die Leipziger Südvorstadt um, ein echter Kraftakt mit laufendem Geschäft und (nicht mehr ganz so) kleinem Kind. Mit den neuen Räumlichkeiten kam ich meinem Wunsch, Schleifenfänger als „Atelier für Stil“ mit ineinander greifender Typberatung und Maßanfertigung fürs Business und besondere Anlässe zu positionieren, ein Stück näher. Das neue Konzept sollte die Brautmode mit einschließen – aber auch Raum für Weiterentwicklung bieten.

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Foto: Beatrice Bauer

Den Wandel in meinem Business anzunehmen und uns als Atelier für Stil zu positionieren ist gar nicht so leicht für mich, wie es sich vielleicht anhört. 10 Jahre lang war die Brautmode der Fokus meines Ateliers, meine absolute Herzensangelegenheit. Neben dem Fakt, dass ich die Arbeit mit den Bräuten immer geschätzt habe, machte die Brautmode natürlich auch einen großen Teil unseres Umsatzes aus. Durch die Typberatung und daraus entstehende Anfragen für Anfertigungen hat sich ja bereits ein zweites Standbein dazugeschlichen. Trotzdem fühlt es sich auch beängstigend an, die Brautmode ein Stück weit hinter mir zu lassen. Ich bin ja nicht mehr als Solopreneurin unterwegs, sondern habe mittlerweile ein tolles Team von 4 weiteren Menschen um mich.

Eine Zeit lang hatte ich auch Sorge, einen Teil unserer Identität zu verlieren oder das, womit uns Menschen assoziieren.

Trotzdem merke ich, dass es nun an der Zeit ist, mich weiterzuentwickeln und die Veränderung zuzulassen. Der langsame Übergang hat es mir ermöglicht, meine Ideen mit einigen Kundinnen zu testen und das positive Feedback hat mich ebenfalls bestärkt, diesen Weg weiter zu gehen.

Der Weg wird erst beim Gehen sichtbar

Für die Zukunft warten noch viele Idee darauf, umgesetzt zu werden. Ein Spruch, der mich in den letzten Jahren begleitet hat: Der Weg wird erst beim Gehen sichtbar. Mit meinem persönlichen Wachstum und der beruflichen Weiterentwicklung öffneten sich auch in meinem Business neue Türen. Als vielbegeisterte Kreative tue ich mich bis heute am schwersten damit, mich zu fokussieren. Nein zu sagen gehört ebenfalls nicht zu meinen Stärken. 

Als Mama und Unternehmerin werde ich aber immer besser darin, meine Zeit für das einzusetzen, was mir wirklich wichtig ist.

Was mir dabei hilft: meine Wünsche und Ziele, zum Beispiel mit einem Moodboard, zu visualisieren – und diese Ziele in Baby-Steps runterzubrechen. Im Privaten habe ich gelernt: was nicht im Kalender steht, findet nicht statt. Deshalb ordne ich mittlerweile auch meine To Dos fürs Business konkreten Zeitfenstern zu. So weiß ich, dass mein Unternehmen sich in die richtige Richtung entwickelt. Vielleicht nicht immer in dem Tempo, das ich mir wünschen würde. Aber jeden Tag, Schritt für Schritt.

Meine Learnings:

  1. Dem Bauchgefühl & der Freude folgen
  2. Veränderungen visualisieren (z.B. auf einem Moodboard)
  3. Neues lernen & sich weiterentwickeln
  4. Platz für den Wandel schaffen, auch räumlich
  5. Projekte in Baby-Steps aufteilen & dranbleiben
  6. Mit anderen in den Austausch gehen & Vertrauen haben
  7. Altes loslassen, Ja zu den richtigen Dingen sagen

Laura Hertel ist Maßschneiderin, Modedesignerin und Gründerin des Ateliers Schleifenfänger in der Leipziger Südvorstadt. Seit 2015 entwirft und fertigt sie gemeinsam mit ihrem Team individuelle Brautmode und besondere Outfits. Außerdem arbeitet sie als Farb- und Typberaterin. Mehr über Laura und ihre Arbeit erfährst du auch auf Instagram.

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