Ich habe aus Trotz gegründet – und den Karren einmal ordentlich gegen die Wand gefahren

Nach der Geburt meines ersten Sohnes wollte ich wieder arbeiten. Anfang dreißig, BWL in Deutschland und Frankreich, internationale Konzernerfahrung, Führungsverantwortung – und trotzdem das Gefühl, ich hätte meine Kompetenzen im Kreißsaal gelassen. Wir waren für den Job meines Mannes umgezogen, ich hatte meinen Konzernjob gekündigt und stand in Frankreich mit Baby, vollem Lebenslauf und der naiven Idee, dass Qualifikation schon reichen würde. Tat sie nicht.

Ich erinnere mich gut an die fiese Mischung aus Kränkung, Wut und Trotz. Dieses Gefühl, nicht mehr vorzukommen in einer Welt, in der Lebensläufe möglichst geradlinig sein sollen – besonders für Frauen, zumindest bis sie Mütter werden. Es ging mir an die Substanz, ich merkte, wie sehr ich mich über meinen Job definiert hatte.

Ich habe dann aus Trotz gegründet, nicht aus Vision, Purpose oder dem Wunsch, Unternehmerin zu sein.

Sondern weil ich dachte: „Wenn mich niemand einstellen will, mache ich meinen Job eben selbst. So schwer kann das ja nicht sein, hab schließlich BWL studiert.“ Heute muss ich darüber lachen, damals war das mein Businessplan.

Mein erstes Business war eine Verlängerung meines alten Lebens

Ich gründete etwas, das professionell und strategisch aussah – sehr Konzern-like. Ich orientierte mich an Erwartungen, Marktlogiken und Dingen, von denen ich dachte, dass man sie eben so macht. Auf dem Papier ergab alles Sinn, aber es sah nicht nach mir aus. Selbst der Name „Nina Binvel Consulting“ war eher genormtes Marketing als Identität.

Ich machte jeden Fehler: Startkapital in Website und Logo gesteckt, Wochen an Angeboten gefeilt, die niemand kaufte, direkt eine GmbH gegründet, deren Fixkosten meine Einnahmen fraßen. Nach einem guten ersten Jahr dank Netzwerk scheiterte das Business im zweiten.

Und ich stand wieder voller Selbstzweifel da. Von der finanziell unabhängigen Powerfrau war wenig übrig.

Mit meinen letzten Euros ging ich zu einer Coach

Ich wollte keine Mindset-Optimierung, sondern eine klare Antwort: Kann ich verkaufen – ja oder nein?
Wenn nein, höre ich auf. Wenn ja, mache ich weiter.

Heute weiß ich, dass die Frage Quatsch war – genauso wie ein großer Teil meines bisherigen Ansatzes. Ich hatte versucht, jemand zu sein, von dem ich glaubte, dass sie erfolgreich sein müsste: kontrolliert, souverän, zielorientiert, bloß nicht emotional. So hatte ich es im Konzern gelernt.

Die Coach stellte mir eine andere Frage:

„Warum machen Sie das überhaupt?“

Zum ersten Mal sah ich Simon Sineks „Start with Why“ und verstand: Ich darf im eigenen Business tun, was zu mir passt. Ein kleines Beispiel: Früher waren Hosenanzüge meine Uniform. Jetzt merkte ich, dass ich auch in Jeans einen guten Job machen kann.

Ich hatte versucht, an mein altes Berufs-Ich anzuknüpfen – das mich intellektuell forderte, aber nicht erfüllte. Rückblickend war das der Wendepunkt. Nicht, weil danach alles easy wurde, sondern weil ich begriff:

Ein Business zeigt dir gnadenlos deine Blind Spots. Und damit meine ich nicht die perfekt definierte Zielgruppe, sondern dich selbst.

Der zweite Aufbau begann mit einem neuen Fundament

Ich begann neu: neue Positionierung, neues Angebot, viel mehr Freude. Ich ließ vieles los, das mir vermeintlich Sicherheit gab. Meine alten Referenzen spielten plötzlich kaum eine Rolle. Dafür hatte ich mit dem Design Thinking eine neue Methode und Leidenschaft gefunden, auch wenn ich dafür kein 5-jähriges Masterstudium hingelegt hatte.

Ich hörte auf, mich an klassischen Karrierebildern zu orientieren, und fragte stattdessen:
Was ist die Mission, für die ich bereit bin, durch Höhen und Tiefen zu gehen?
Was treibt mich wirklich an?
Wer bin ich jetzt – außer die Mama von?

Diese Fragen klingen simpel, sind aber für viele Frauen schwer zu beantworten. Wir lernen früh, Erwartungen zu erfüllen: die artige Tochter, die engagierte Mitarbeiterin, die gute Mutter, die sexy Partnerin – und vor allem die Frau, die alles im Griff hat. Ich wollte selbst lange beweisen, dass ich alles wuppen kann. Zudem bringt man uns Selbstentwicklung nicht bei.

Mit meinem neuen Selbstverständnis begann mein Business zu funktionieren – nicht über Nacht und nicht perfekt, aber stimmig und mit viel mehr Freude.

Seitdem habe ich mehrfach gegründet, vom Etsy-Shop bis Amazon KDP vieles ausprobiert, sogar ein Buch geschrieben und meine heutige Berufung gefunden. Ich glaube nicht mehr an die eine große Berufung, die man finden muss, um glücklich zu sein. Ich glaube an mehrere Berufungen – passend zu unseren Lebensphasen. Die dürfen sich verändern genau wie unsere Träume.

Und wenn ein Business nicht mehr zu dir passt, darfst du es auch loslassen. 
Es ist schließlich dein Business. Und dein Lieblingsleben.

Nina Binvel ist Autorin und Lieblingsleben-Designerin. Nach über 20 Jahren in Frankreich und einer Karriere mit internationaler Konzernerfahrung wurde die Geburt ihres ersten Sohnes zum beruflichen Wendepunkt: Der Wiedereinstieg scheiterte, also gründete sie kurzerhand selbst – aus Trotz, wie sie heute sagt. Ihr erstes Business fuhr sie gegen die Wand, begann noch einmal neu und fand dabei ihren eigenen Weg ins Unternehmertum. Heute schreibt Nina Bücher und begleitet Frauen dabei, Arbeit und Leben so zu gestalten, dass sie zur eigenen Lebensphase passen. Sie glaubt an Selbstwirksamkeit, kreative Problemlösung und daran, dass berufliche Wege sich verändern dürfen. Ihr Motto: „Ohlàlà statt solala.“

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