Selbst & Ständig Interview
Sie hat in der schillernden Welt der Modemagazine Karriere gemacht, ist um die Welt gereist und hat als Ressortchefin bei InStyle gearbeitet. Doch eines hat Berit Großwendt auf ihrem Weg immer wieder vermisst: andere Frauen aus Ostdeutschland. Heute lebt sie wieder in ihrer Heimat Thüringen und gibt mit ihrer Plattform Calling East genau diesen Frauen eine Bühne. Im Interview erzählt sie, was ihre ostdeutsche Herkunft für sie bedeutet und weshalb es höchste Zeit ist, die Geschichten erfolgreicher Ostfrauen sichtbarer zu machen.
Du bist in Jena aufgewachsen, hast später in München und Berlin gearbeitet und lebst heute wieder in Thüringen. Wenn du auf diesen Weg blickst: Was hat dich damals überhaupt aus Jena hinausgezogen?
Ich wollte unbedingt Journalistin bei einer Frauenzeitschrift werden – und das ging nun mal in Jena nicht. Wie viele Ostfrauen meiner Generation bin ich deshalb hinausgezogen in die Welt, um woanders Karriere zu machen. Nach dem Studium ging‘s für mich erst einmal nach New York, wo ich bei einer Wochenzeitung gearbeitet habe. Spannend finde ich, dass es aktuell eine Rückkehrerinnen-Bewegung gibt: Erfolgreiche Frauen mit Aufstiegserfahrung und einem Blick aus der Diaspora kehren in den regionalen Osten zurück, sind bereit für Innovationen, Engagement und neuer, positiver Haltung zur Heimat.
Du hast viele Jahre für große Modemagazine gearbeitet. Wie bist du in diese Branche gekommen und wie sah dein Arbeitsalltag dort konkret aus?
Nach dem Studium an der Deutschen Journalistenschule in München habe ich direkt beim Burda-Verlag angefangen, bin als Modereporterin um die Welt gereist, zuletzt als Ressortchefin beim Magazin InStyle. Wer den Film „Der Teufel trägt Prada“ kennt, erahnt vielleicht, wie so ein Arbeitsalltag in der Mode- und Luxusbranche aussehen kann. Mega aufregend und herausfordernd zugleich. Für mich war diese Welt komplett neu und es hat sich am Anfang oft angefühlt wie ein Traum.
Was hat dich an der Medien- und Magazinwelt begeistert und welche Erfahrungen haben dich vielleicht auch ernüchtert?
Ich bin Storytellerin, spüre mit Leidenschaft spannende Stories auf, ob von Menschen oder Marken. Ich hatte das Glück, viele renommierte Designer und Designerinnen portraitieren zu können und mit bekannten Brands zu arbeiten – und sowohl Visionen als auch Schaffensprozessen auf den Grund zu gehen. Hinter jeder Idee steckt viel Kreativität, das begeistert mich.
Gab es in dieser Zeit Momente, in denen dir bewusst wurde, dass bestimmte Perspektiven — gerade die von Frauen aus Ostdeutschland — in Medien und Kommunikationsbranchen kaum vorkommen?
In den Hochglanz-Medien war und ist der Osten nach wie vor ein Blind Spot. Das ist fatal, wenn es um die Sichtbarkeit von ostdeutschen Perspektiven geht. Bei der InStyle hatte ich ein einziges Fashion-Shooting mit einer Ostfrau, und das war mit Kati Witt. Sie ist ein Mega-Star, doch selbst um diese Story musste ich lange kämpfen. Dazu kommt:
Auf meinem Karriereweg als Medienmacherin war ich immer die erste und einzige Frau aus dem Osten.
Ich hatte keine weitere Mitstreiterin in meinen Teams, geschweige denn eine Frau in Führung mit ähnlichen Erfahrungen wie dem Selbstverständnis von der Vereinbarung von Beruf und Familie. Die Tragweite dessen ist mir allerdings erst so richtig bewusst geworden, als ich wieder in den Osten gezogen bin und diese Schieflage einordnen konnte.
Wann kam der Wunsch auf, nicht mehr nur für andere Marken und Medien zu arbeiten, sondern mit deiner eigenen Agentur selbst Themen und Kommunikation zu gestalten?
Nach meiner journalistischen Karriere habe ich in Berlin die Agentur Room26 gegründet, mit einem Kundenportfolio aus deutschen und internationalen Lifestyle-Marken.
War da jemals eine Brand dabei, die von einer ostdeutschen Frau gegründet wurde? Nein!
Ich fand das sehr schade und habe angefangen, nach erfolgreichen Frauen im regionalen Osten zu suchen. Daraus ist zunächst der Podcast Calling East entstanden, in dem es um Female Founder, Geschäftsführerinnen und Role Models von Rostock bis Dresden geht.
Mit Calling East gibst du genau diesen Frauen eine Bühne. Wie ist dann die Idee für deine aktuelle Plattform entstanden und was war deine persönliche Motivation dahinter?
Ich habe erkannt, wie wenig sichtbar ostdeutsche Frauen sind. Weder in Modezeitschriften noch in Wirtschaftsmagazinen, oder auf Bühnen und Panels. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist, dass wir schlicht nicht mitgedacht werden. Wenn die Zeitschrift STRIVE in ihrem Sonderheft zu den einhundert einflussreichsten Frauen Deutschlands macht und darunter nur zwei gebürtige Ostfrauen sind, dann macht mich das fassungslos.
Es liegt aber auch daran, dass sich immer noch zu wenige Frauen trauen, diese Bühnen zu betreten und ihren Platz einzufordern.
Zudem müssten sich viel mehr Ostfrauen in den Führungsetagen dazu bekennen, aus dem Osten zu kommen. Einfach um Vorbild für andere Frauen zu sein und zu zeigen, hey, wenn ich es schaffen kann, dann kannst du das auch.
Was ist das genaue Konzept deiner Plattform Calling East?
Mit Calling East schließe ich eine strukturelle Lücke, den sogenannten East-Gap. Ich verbinde den Podcast mit gezielten Kommunikations-Strategien für Frauen, die Sichtbarkeit wollen und bringe sie in mediale und wirtschaftliche Räume, wo sie bisher unterrepräsentiert waren. Kernpunkt sind die Calling East Voices – ein Portfolio an Speakerinnen aus dem Osten, die ich als Agentin betreue und vermittle. Es geht mir um ökonomische Relevanz, um Sichtbarkeit und darum, die Perspektiven ostdeutscher Frauen als das zu markieren, was sie sind: ein unverzichtbares Asset für die Wirtschaft und Gesellschaft von heute.
Sichtbarkeit von Frauen — besonders von ostdeutschen Frauen — ist ein zentrales Thema deiner Arbeit. Warum wird diese Perspektive deiner Meinung nach in vielen Female-Empowerment-Debatten noch immer zu wenig mitgedacht?
In den öffentlichen und politischen Diskursen fehlt ganz einfach der Wille dazu. Wenn in der Vergangenheit über Ostdeutsche berichtet wurde, dann meist aus westdeutscher Perspektive – und problembehaftet. Dabei brauchen wir positive Narrative, die aus dem Osten heraus Wirkung erzeugen. Wir müssen selbst unsere Erfolgsgeschichten erzählen und Role Models präsentieren, die Mut machen und Vorbild sind.
Welche Geschichten oder Gespräche aus „Calling East“ haben dich bisher besonders bewegt und was verbindet die Frauen, die du dort interviewst?
Ostdeutsche Frauen verbindet Erfahrungen, die in der heutigen Zeit besonders gefragt sind: fachliche Exzellenz, Führungsstärke, wirtschaftliche Eigenständigkeit, Vollzeit-Erwerbsbiografien und eine tief verankerte Transformations- und Krisenkompetenz, geprägt durch fortlaufende gesellschaftliche Umbrüche. Das Interessante:
Auch bei jungen Frauen, die nicht mehr in der DDR aufgewachsen sind, ist diese Power tief verankert.
Ein Beispiel ist Katharina Weißig aus Magdeburg, die mit Anfang 20 und neben ihrem Medizinstudium das Social-Impact-Start-up Periodically aufgebaut hat, was mittlerweile Marktführer ist und sie als Unternehmerin auf der Forbes 30-unter-30-Liste steht. Beeindruckend!
Was bedeutet Erfolg heute für dich?
Erfolg bedeutet für mich Teilhabe und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Wichtige Voraussetzungen, um Prozesse anzustoßen und Frauen in ihren Positionen zu stärken. Wenn es um Female Empowerment geht, muss ich sagen:
Wir schaffen das nur gemeinsam!
Und deshalb finde ich es essenziell, anderen Frauen eine Bühne zu geben und sie zu bestärken. Michelle Obama fasst es ganz gut zusammen: „Bei Erfolg geht nicht darum, wie viel Geld du verdienst; es geht darum, welchen Unterschied du im Leben der Menschen machst.“
Wenn du heute auf deinen eigenen Weg schaust: Was möchtest du anderen Frauen mitgeben, die aus kleineren Städten oder aus Ostdeutschland kommen und oft das Gefühl haben, erst einmal „nicht gemeint“ zu sein?
Seid mutig und stellt euch in die erste Reihe. Bildet Banden und verschafft euch Zugang zu Netzwerken. Sucht euch Lücken, die andere nicht besetzen wollen. Aus Ostdeutschland zu kommen ist ein Asset, von dem man profitieren kann.
Berit Grosswendt ist Journalistin, Medienunternehmerin und Gründerin der Agentur Room26. Nach vielen Jahren in der Mode- und Medienbranche, zuletzt als Ressortchefin bei InStyle, machte sie sich mit ihrer eigenen Kommunikationsagentur selbstständig. Mit ihrem Podcast Calling East porträtiert sie erfolgreiche Gründerinnen, Unternehmerinnen und weibliche Vorbilder aus Ostdeutschland. Daraus ist inzwischen eine Plattform entstanden, die ostdeutschen Frauen mehr Sichtbarkeit in Wirtschaft, Medien und Gesellschaft verschaffen möchte.





